Reiseberichte von S11- Birkhoff:

Stand: SOM 13 vom 31-3-06: Diese Seite wird NICHT MEHR WEITER AKTUALISIERT:

Seit Mai 2006 haben Anke und Martin Birkhoff Ihre eigenen Homepage www.justdoit.de.ki : bitte dort weiter lesen- es lohnt sich

SOM 3:

Hallo Leute,

in aller Eile eine neue SOM heute ohne Fotos. Sind wie vorgesehen aus almouth losgesegelt, aber das wetter hat sich nicht an die Vereinbarungen gehalten. Das angekuendigte Hoch kam nicht, stattdessen ein weiteres Tief. Folge, erstmal West gut gemacht, dabei haetten wir uns besser noch Ost verpieselt, und ansonsten bis auf die ersten 10 und letzten 20 der insgesamt 530 Meilen hart am Wind. In der Regel 5 bis 7 Bf. War alles recht ungemuetlich und nass, leider ist Wasser auch durch unsere Luefter in die Vorschiffskojen geraten. Sind dann auch nicht nach Vigo, sondern nach Sada bei Coruna gegangen. Zur Versoehnung gab es dann am letzten Tag der Ueberfahrt unseren ersten Thun, gleich ein Weisser Thun. Der wurde dann zu Sashimi und Grillfisch verarbeitet. Nett ausserdem, haben zwei Wale getroffen, etwa so! lang wie unser Boot, machten boatwatching, heisst, gingen in 30 m Entfernung auf Parallelkurs und begleiteten uns ca. 10 Minuten.

um Cap Finisterre rum, haben drei Naechte vor Anker bei der Isla del Norte in der Muendung des Ria de Vigo verbracht, und befinden uns heute in Bayona. In der kuehlen Bilge warten schon ein paar Makrelen. Werden heute mit Apfel, Zwiebeln und Curry und Weisswein gemacht.

Morgen gehts nach Leixos, falls der Hafen nicht noch immer gesperrt ist.

Euch allen fair winds, Martin und Anke.

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SOM 4

Von Sada aus geht es in Etappen nach Süden. Auf der einen Seite wollen wir von Land und Leuten etwas sehen, auf der anderen auch vorwärts kommen. Was wir allerdings nicht eingeplant haben, und was und schon schnell zu einer wahren Nervenprobe führt, ist der mangelnde Wind.

Zunächst geht es nur ein kurzes Stück bis zur Isla del Norte bei Vigo. Hier ankern wir und erleben zum ersten mal – wenn auch nur für kurze Zeit – das Gefühl der Entspannung und des süßen Nichtstuns. Beobachten die Muscheltaucher, die nur mit Schnorchel und Tauchanzug nach Scheidenmuscheln tauchen. Im nächsten Hafen, in Bayona, suchen wir dann auch gezielt ein Restaurant, um einmal Scheidenmuscheln probieren zu können.

Bayona ist eine wunderschöne, interessante Stadt, die eigentliches ein längeres Verweilen verlangt, aber es zieht uns südwärts. In Lissabon wollen wir uns mit Ankes Freundin Kirsten treffen, die uns von Kalifornien aus besucht, und da muss man doch pünktlich sein. Wir halten uns also ran. Mangels Wind unter Maschine. Das ist streckenweise sehr nervenzehrend, da die Portugiesen die Küstengewässer in einem erstaunlichen Ausmaß mit Fischerfähnchen garniert haben. Die meisten sind gut erkennbar, aber dazwischen sind auch einige, die verschlissen oder umgekippt sind. Also kaum zu sehen. Besonders spannend wird das ganze bei Nebel, der vielleicht eineinhalb bis zwei Bootslängen Sicht ermöglicht. Wie gut, dass wir trotz meiner Vorbehalte ein Radar angeschafft haben. Bei der spiegelglatten See zeigt das Gerät die meisten Fischerfähnchen an, aber auch den einen oder anderen Seevogel, z. B. einen Basstölpel, dem wir dann auch gewissenhaft ausweichen.

Machen in Povoa de Varzim Station, um Porto per Bus zu besuchen. Povoa wird in den Handbüchern weniger empfohlen, aber das wird dem Ort nicht gerecht. Schöne Stadt, viel Leben, preiswerte Marina und hilfsbereite Menschen. Porto begeistert total. Vor allem die alten Stadtviertel die angenehm zurückhaltend restauriert werden. Außerdem ist Porto natürlich die Stadt des Portweins, was nicht folgenlos bleibt. Jedenfalls wird in der Bilge von JUST DO IT ein beträchtlicher Ballastzuwachs verzeichnet.

Lissabon erreichen wir ausnahmsweise bei etwas Wind und segeln bis vor die Mündung des Tejo. Rasmus schenkt uns sogar noch zwei Makrelen zum Abendessen. Wir bleiben ein paar Tage. Erwandern die Altstadt, den Burgberg, durchstreifen die Markthalle und finden einen verführerischen Weinladen. Außerdem trudelt Kirsten ein. Mit ihr machen wir einen Tagestörn zwecks Eingewöhnung nach Sines. Komischerweise ist diesmal der Portugiesische Norder zur Stelle und Kirstens Begeisterung fürs Segeln wird arg getrübt. Sines entpuppt sich wie Povoa als nettes Städtchen, für das man viel mehr Zeit mitbringen müsste. Aber wir wollen weiter. Starten in die Nacht. Alvor ist da Ziel. Dort warten Freunde mit der Yacht ANTJE, für die wir Spiritus aus Falmouth in der Bilge gelagert haben. Zunächst geht es strikt nach Süden. Bei aufgehender Sonne runden wir das Cabo de Sao Vicente, dann kreuzen wir die aufregende Algarve bei Lagos entlang. Höhlen, Torbögen und Felssäulen charakterisieren die Küste. Ganz unerwartet, die seichte Lagune von Alvor. Wir kommen mit günstiger Tide und schleichen uns auf den Ankerplatz. Stellenweise haben wir nur noch 60 cm Wasser unter dem Kiel. Hier treffen wir die ANTJE und lernen etwas vom Leben der Fahrtensegler kennen, die wochen- bis monatelang an einem Ort bleiben. Für Aufregung sorgt nur Chaos- bzw. Katastrophen-Wolfgang mit seiner Reinke 15M. Hat bereits bei seiner Ankunft mit slippendem Anker einen armen Engländer gerammt. Nun kollidiert er mit uns (wir sind gerade beim Angeln und merken vom ganzen Drama zunächst nichts), zerschneidet eine Mooringleine, die in seinen Propeller geraten ist, worauf ein Fischerboot, das an eben dieser Mooring hing, sich ebenfalls verselbständigt und sich an unsrem Boot fängt. Jedenfalls hat unser Ankergeschirr die Feuertaufe bravourös überstanden, und gedankt sei den vielen Segelfreunden, die unser Schiff fenderten und die anderen Boote abhielten. Als wir vom Angeln zurückkommen ist das ganze Drama vorbei.

Es gibt aber auch ganz andere Dinge zu berichten, daher nur ein kleines Beispiel: Muschelsuche auf Sandbank. Dauert, aber erfolgreich. Schließlich sind nach 2 Stunden Grabearbeit 2 kg Muscheln beisammen, die abends feierlich gekocht und vertilgt werden. Müssen aber noch üben, denn zugegeben, im Restaurant waren sie besser.

In Kürze soll es weitergehen bis Gibraltar, und dann – so Gott will – zu den Kanaren.


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7-11-04 SOM 5: Lagos - Lanzerote

Wir sind mittlerweile in Lanzarote angekommen. Von Alvor aus waren wir per Auto noch kurz

in Gibraltar, nachdem wir das Hinsegeln aus Faulheit aufgegeben hatten, um den beruehmten

Felsen und seine Affen zu sehen und dort ein Kurzwellenfunkgeraet zu kaufen (ich habe Martin

mittlerweile davon ueberzeugen (oder ueberreden?) koennen, trotz fehlender Lizenz und noch

fehlender Ahnung). Hat leider aber nicht geklappt, weil wir wegen Besuch zu wenig Zeit hatten.

Nachdem wir in Lagos noch einen neuen Kuehlschrank haben eingebauen lassen, der alte gab

seinen Geist auf, sind wir am 10.10. endlich Richtung Kanaren gestartet.

Die Ueberfahrt war eigentlich recht gut, die meiste Zeit NE 4-5 Bft. Allerdings eine elende

Schaukelei, so platt vor dem Wind. Bis Anke 1,5 Tage vor Graciosa Risse am Mastfuss, d.h.

eher am Mastschuh auf Deck entdeckte. Die schrecklichen Geraeusche haben uns dazu gebracht,

nur noch unter Gross weiterzusegeln, so dass wir nur noch langsam mit 3-4 kn vorankamen und

5 Tage gebraucht haben.

Die naechsten 10 Tage lagen wir meist vor Anker bei La Graciosa, einer kleinen Insel noerdlich

von Lanzarote. Dort war Anke vor 13 Jahren schon einmal mit Andreas gewesen, damals mit

Rucksack und sie hatten 1 Woche an einem einsamen Strand campiert.

Mittlerweile ist das Dorf etwas groesser geworden, es gibt 2 kleine Supermaerkte, einen

Schlachter, einen Baecker und sogar ein Internetcafe und eine Disco, die jedoch nie offen war,

aber sonst ist es noch ziemlich urspruenglich geblieben. Die "Strassen" bestehen nach wie vor

nur aus Sand, die Autos sind alles alte Landrover. Auch ein Taxi-Landrover gibt es. Insgesamt

wirkt der Ort wie Wueste am Meer. Der Hafen hat allerdings jetzt 2 Stege fuer Gastlieger und

es sind wohl in der Hauptsaison Oktober/November (also jetzt) sicher 50 Yachten da.

Alles Langfahrtsegler, viele nette Leute. Jeden Freitag wird Pottlach am Strand

oder auf der Hafenmole veranstaltet.

In der Ankerbucht haben wir unsere Freunde von der ANTJE wiedergetroffen und deren Freunde

und deren Freunde... Wir haben BBQ am Strand gemacht, Martin hat mit Norbert eine Dinghiregatta

unter Segeln gefahren (und verloren), kleine Wanderungen auf den Hausberg gemacht, repariert

(es gibt ja immer was zu tun und immer geht was kaputt, man bastelt sich so um die Welt) und

viel viel gelesen. Anke hat ein Buch von einer Deutschschweizerin gelesen - Tania Aebi -, die

Anfang der 80ger mit einem 7,80m-Boot ganz allein um die Welt gesegelt ist. Sie war erst 18

als sie losgefahren ist und hatte kaum eine Ahnung vom Segeln. Ihr Vater hatte sie als

ausgeflippten Punk vor die Wahl gestellt: entweder College und normal werden oder Segeln

gehen.

Irgendwann mussten wir ja aber nun unser laues Leben aufgeben und uns um unseren Mast kuemmern

außerdem drohte ein Wetterumschwung und wir mussten uns auf den Weg nach Sueden machen.

So sind wir zur Marina Rubicon im Sueden von Lanzarote aufgebrochen. Auf der Strecke an

Lanzerotes Westkueste entlang bekamen wir von 3 Franzosen eine grosse Goldmakrele (Dolphin)

geschenkt, sie hatten zwei gefangen und konnten sie nicht alleine essen. Und 105 cm Frischfisch

muessen erst mal verarbeitet und verspeist werden. Wir haben 4 Tage davon gegessen: Dolphin

mit Apfel- und Zwiebelringen, Dolphin gegrillt mit Nudelpfanne, Dolphin "en papiliotte" -

in Backpapier im Ofen gegart, Dolphin mariniert.... und Dolphin-Sashimi. Danach stand der Sinn

aber auch mal wieder nach Fleisch oder Gemuese.

Gleich am Tag nach der Ankunft haben wir den Mast gelegt und den Mastschuh abmontiert.

Vorgestern haben wir die Teak-/Sperrholzauflage vom Deck aboperiert und das Sikaflex

abgeschliffen, um eine neue Aufnahme fuer den Mastfuss vorzubereiten.

Dann hatten wir uns eine Pause verdient und haben 2 Tage mit einem Mietauto die Insel erkundet.

In Arrecife haben wir eine Ersatz-Wasserpumpe erstanden (wir erwarten, dass die vorhandene

trotz Eigenreparatur durch Martin wohl nicht mehr lange machen wird) und diversen Kleinkram.

Wenn alles gutgeht werden wir in den naechsten Tagen den Mast wieder stellen koennen und dann

ueber Fuerteventura nach Gran Canaria segeln.

(Nachtrag: Gottseidank, seit gestern steht der Mast wieder.)

Uebrigens haben wir unsere Plaene geaendert: nach den Kapverden werden wir erst in

die Karibik segeln und von dort aus dann nach Sueden/Suedamerika. Irgendwie

hatte ich mir die von Martin ausgearbeiteten Routenplaene nicht genau genug angesehen und nun

mussten wir uns etwas neu orientieren, weil ich protestiert habe...
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24-12-04 mail som6:

Eine Weihnachts-SOM

Lanzerote – Fuerteventura – Gran Canaria – La Gomera – Teneriffa – Gran Canaria

Nachdem der Mast endlich wieder auf dem Boot stand, konnten wir auch ans Weitersegeln denken. Zunächst führte unser Weg an der Westküste Fuerteventuras entlang. Wir machten nur zwei Übernachtungsstops und gingen dann gleich weiter nach Las Palmas, Gran Canaria. Im November treffen sich hier jedes Jahr zahlreiche Segler, um mit der Antlantic Rallye for Cruisers (ARC) am Monatsende in die Karibik zu starten und dort vor dem Weihnachtsfest anzukommen. Nachteil: Im Yachthafen gibt es keinen Platz mehr für normale Segler wie uns. Das bedeutet Ankern neben dem Yachthafen. Und da wir nicht gerade die ersten waren, mussten wir uns einen Liegeplatz relativ weit zum Handelshafen hin suchen. Auf recht felsigem Grund und wir hatten Sorgen, ob der Anker bei dem angekündigten schlechten Wetter auch hält. Na, dachten wir, müssen wir halt viel mit dem Dingi fahren. Was wir auch ausgiebig taten. Machten unsere Besorgungen und Organisatorisches, warteten auf meinen Bruder, der uns ein paar Tage begleitete wollte und hatten dann vor, nach Puerto Mogan zu segeln. Aber, als es so weit war wollte der Anker partout nicht wieder an die Oberfläche. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als einen Taucher zu holen. Der befreite das gute Stück für 100,- EUR. Ein teurer Ankerplatz also. Inzwischen war der Tag weit vorangeschritten, das Wetter hatte sich verschlechtert und mein Bruder kam in den Genuss seiner ersten Nachtfahrt auf einem Segelboot mit bis zu 4 m hohen Wellen und Eindringen in ein militärisches Sperrgebiet mit anschließendem Verjagen durch die Militärpolizei (ehrlich, das Sperrgebiet war in unserer nagelneuen Seekarte nicht eingezeichnet). Aus dem nächtlichen Ankerzwischenstop wurde also nichts und wir gingen direkt nach P. Mogan. Ist zwar auch ein Ort halb aus der Retorte, aber im Gegensatz zu den üblichen Touristenghettos sehr gelungen. Mit dem Mietauto machten wir Erkundungstouren in das Innere der Insel und suchten wie immer eine Bodega, um unsere Weinvorräte aufzufüllen. Nach DEN vielen Touristenghettos und Betonburgen der Küste überraschte das Inland mit spektakulären Landschaften, steilen Felsen, engen Schluchten und kurvenreichen Straßen, die nur selten mehr als 40 Stundenkilometer zuließen. Eigentlich ein Paradies für Motorradfahrer. Martin hatte schon so merkwürdige Zuckungen in der rechten Hand.

Von hier ging es nach Gomera. Eine schöne und grüne Insel, nicht so überlaufen und ein Paradies (schon wieder eins) für Wanderer. Und jeden Tag kommt ein neues Boot mit Freunden von den früheren Stationen unserer Reise. Ein richtiger Treffpunkt. Erkunden die Insel per Mietauto, Bus und Wanderung. Mit Bob und Anja (SY EVOLUTION) diskutieren wir das Thema Waffen an Bord. Die zwei sind endlich kompetente Gesprächspartner. Sie sind beide Polizisten, also an der Waffe ausgebildet, und sagen ganz klar: Waffen sind für einen Normalbürger Unfug und gefährden eher die eigene Sicherheit. Auch sie sind ohne Waffe unterwegs. Als sie nach einer gemeinsamen Woche in die Karibik aufbrechen sind wir traurig und fühlen uns ein wenig einsam. Ob wir sie wiedersehen? Eigentlich müssten sie jetzt auf Barbados angekommen sein. Hoffen, dass es ihnen gut geht.

Ein paar Tage später verlassen wir die anderen Freunde: Teneriffa ist das Ziel. Die Überfahrt wird spannender als gedacht, da wir offenbar schlechten Diesel gebunkert haben. Als wir bei Windstille motoren fängt der Motor an zu mucken und ich entdecke die Bescherung. Wie gut, dass wir inzwischen zwei getrennte Filtersysteme haben und umschalten können. Dafür entdecken wir, so gefordert, dass man mit unserer lieben JUST DO IT doch recht anständig kreuzen kann.

Zwei Tage nach unserer Ankunft klopft es heftigst an unserem Bug. Es ist 6:00 morgens und stockfinster. Martin springt hoch und schlägt sich den Kopf. Erst mal die Luke aufmachen. Wo ist denn die Brille, verdammt noch mal. Muß auch so gehen. Kopf durch die Luke.

„Ich bringe ein Geschenk des Himmels!“

Wie bitte?

„Ich bringe ein Geschenk des Himmels!“

Was ist denn das für eine Sekte? Wird man hier nachts überfallen, um zu den Zeugen Jehovas oder sonst wem bekehrt zu werden? Himmelsgeschenk?! Das kann doch nur ein Höllengeschenk sein!

„Ich bringe ein Geschenk des Himmels! Seht zu was ihr damit macht!“

Zum Teufel, wo ist denn die Brille? Plötzlich eine Frauenstimme. Und dann durchzuckt Martin die Erkenntnis. Die Stimme kennen wir. Martins Tante Maria! Was soll das denn?

Sie wollte eigentlich zum Frühstück kommen, aber das ließen Busfahrpläne und ein plötzlicher Auftrag ihres Freundes nicht zu. So bringt er sie halt jetzt. Machen einen gemeinsamen Ausflug zum Teide und sind von der kargen Landschaft der Cañadas und den wechselnden Eindrücken des Teide begeistert. Und außerdem schaffen wir es endlich, unsere Weinmisere zu beheben.

Leider bleibt für die Insel nur wenig Zeit, denn wir müssen wieder nach Gran Canaria. Martin hat für den 1.12. einen Flug nach Deutschland gebucht, um seinen Vater anlässlich des 80. Geburtstages zu besuchen. Auch eine nette Überfahrt, nur ein Tag, aber wir haben noch nie so viele Segelwechsel in so kurzer Zeit gemacht. Von 40 kn Wind bis 0 und wieder zurück auf 25 kn und alle Richtungen außer Nord in etwa 10 Stunden. Puh. Na, und dann verpasst er noch fast den Flieger, weil der Bus einfach am Flughafen vorbeifährt. Aber es ist noch gut gegangen. In Deutschland passiert ihm plötzlich, was wir hier nicht schaffen: Für niemand erreichbar zu sein und niemand erreichen zu können. Ist man gar nicht gewohnt. Immerhin bekommt er das so sehnlich erwartete Amateurfunkgerät, viele Ersatz- und Ausrüstungsteile und schafft wenigstens einen Teil der Besuche bei Freunden und Helfern. Ganz persönlich, ich hoffe, es ist niemand böse, den ich nicht besucht oder angerufen habe, aber eine Woche ist doch verdammt kurz, und manches geht einfach nicht, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Und wenn man dann kein Handy mehr hat, ist das ganz besonders schwierig, vor allem, wenn man die meiste Zeit im Auto sitzt und kreuz und quer durch Deutschland rast.

Ich bin richtig froh, als ich im Flieger zurück sitze. Dumm nur, dass die Sitznachbarin erkältet war. Kaum in Gran Canaria angekommen bekomme ich eine heftige Erkältung, und wenige Tage später Anke ebenso. Hoffen, dass sich Beate nicht angesteckt hat. Ankes Schwester kam zwischendurch zu einem kurzen Besuch in die Sonne. Mit ihrer Abreise schwindet auch die Sonne und wir haben die besondere Ehre, hier das schlechteste Wetter seit Menschengedenken zu erleben. 6 Tage norddeutsches Schmuddelwetter, nur etwas wärmer. Vielleicht sollte man den Ofen anmachen? Immerhin wird einem so sogar norddeutsch weihnachtlich zu Mute. Und so kommen wir zur eigentlichen Absicht dieser SOM:

Allen daheimgebliebenen und reisenden Verwandten, Freunden und lieben Menschen ein

FROHES FEST und ein gutes, gesundes, glückliches NEUES JAHR

und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel und stets fair winds. Wie wichtig die Handbreit Wasser ist, konnten wir vor vier Tagen erleben. Knapp 200 m von unserem Liegeplatz entfernt hat sich ein Katamaran vom Ankerplatz losgerissen und ist auf die Felsen getrieben. Wenn man es nicht gesehen hat, mag man gar nicht glauben, in wie kurzer Zeit Wind, wellen und Felsen ein Schiff zerstören.

An Ankes Geburtstag (den ich – wie fast alle Geburtstage - prompt vergessen hatte – Schande über mich) gab es noch ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk: kein Weihnachtsmärchen. Es war einmal eine kleine, braune Kakerlake mit grünen Rändern. Die beobachtete Martin, der gerade dabei war, dass Antennenanpassgerät für die neue Micky Maus (Amateurfunkgerät) einzubauen. Da flog sie einfach so an seiner Nase vorbei und hatte im Sinn, sich ein neues Zuhause zu suchen.

„Anke, komm schnell, hier ist so ein Viech gelandet, so ein Tier, ne Art Grille oder so. Ich kann nicht gleichzeitig die Luke aufhalten, die Leinen bewegen und das Viech fangen.“

Anke kommt, sieht, und ...

„Grille! (verächtlich) Eine Kakerlake! Von wegen eine Grille.“

Die arme Kakerlake ward verfolgt, eingekreist und hat den Geburtstag und Vorweihnachtszeit nicht überlebt. Das ist natürlich eine traurige Weihnachtsgeschichte, allerdings nur für die kleine Cucaracha. Für uns weniger, denn: merke, liebes Kakerlakenvolk, bleibe zu Hause, fern von Schiffen, und nähre dich redlich - an Land. Kommentar von Jane vom Boot gegenüber „Wenn ihr in diesem Hafen keine Kakerlaken an Bord habt, ist mit eurem Boot was nicht in Ordnung. Hier hat jeder Kakerlaken.“ Und unser unmittelbarer Nachbar Guido reimt:

„Stimmt.

Kannste eine sehn

haste zehn.“

Na dann.

Tags drauf hat Anke mindestens 20 Kakerlakenfallen gekauft, die aber, um den Weihnachtsfrieden zu wahren, noch nicht eingesetzt wurden. Und noch mehr Tupperdosen als passive Verteidigung.

Ganz stolz sind wir auf die neue Funke. Nachdem wir alle Bestandteile ordentlich verkabelt und gestalterisch anspruchsvoll in unsere kleine Naviecke integriert hatten, hörten wir immerhin schon die Deutsche Welle. (Nachbars Kommentar: „Nicht schlecht für ein 2000 Euro-Radio!!!“) Nach weiteren Anpassarbeiten hörten wir immerhin schon mehrere Radiosender, vor allem afrikanische, ist ja auch nicht weit, und ist ja schon was, und tatsächlich einen Funker quatschen. Verstehen konnten wir ihn allerdings nicht. Noch mal eine „Anpassung“, d. h. Beseitigung einer falschen Verpolung, peinlich, und wir hörten die ersten Funker. Diesmal konnten wir sie sogar ein wenig verstehen. Dann kam Michel, der französich-kanarische Funkexperte, und sagte: alles falsch. Aber Martin hatte es doch genau so gemacht, wie man es ihm in Deutschland aufgezeichnet hatte. Na egal. Dass das Gerät vielleicht doch nicht neben der Gasanlage sein sollte, konnten wir ja einsehen, auch wenn man es nicht wissen kann. Aber der Rest. In Gottes Namen. Nachdem er um sechs Uhr gegangen war, hat Martin noch bis in die Nacht mit Taschenlampe umgebaut, ist am nächsten M0rgens um 6:30 aufgestanden und hat weiter gemacht, um um 8:00 fertig zu sein, wenn Michel zur Kontrolle und um einen Kondensator vorbeizubringen wieder kommen wollte. Und siehe, als alles fertig war, arbeitete erstmals hörbar unser Antennenanpassgerät und - - - - - wir hörten ganz viele Funker. Erfolg auf der ganzen Linie. Jetzt sind wir gespannt, ob uns auch jemand hört. Hallo, hallo, halloo?

Die vergangenen Tage sind mit Einkäufen für die großen Passagen, die bevorstehen, Verstauen der Einkäufe und allgemeinem Umstauen, vergangen. Die einzelnen Dinge sollten besser erreichbar werden und der Gewichtstrimm günstiger. Puerto Mogan hat sich in den letzten Tagen festlich herausgeputzt. Noch mehr Lichterketten und Weihnachtsdekoration. Auf dem kleinen Platz am Hafen wurde eine Bühne gebaut, und gestern hat dort ein Mädchenchor gesungen. Heute gibt es bestimmt eine weihnachtliche Präsentation. Wir sind gespannt. Immerhin, als erstes Weihnachtsgeschenk herrscht heute erstmals seit Tagen wieder strahlender Sonnenschein. Ansonsten ist heute, am Heiligen Abend, Ruhe und Besinnlichkeit angesagt. Was sonst. Nun werden wir voraussichtlich am 1. Weihnachtstag zu den Kapverden starten. Eventuell mit einem Abstecher nach Dakar. Die Weihnachtsbeachparty mit Freunden auf Sal werden wir dann leider nicht mehr erreichen. So ist halt das Fahrtenseglerleben. Es kommt alles anders als man denkt.

Liebe Gruesse Martin + Anke

SY JUST DO IT - Puerto Mogan, Gran Canaria

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9-2-05 mail SOM 7

Ein neues Jahr beginnt

> Von Gran Canaria zu den Kapverden und daselbst

>

> Es ist schon wegen des Aberglaubens der zweite Weihnachtstag, an dem

wir Richtung Kapverden starten. Der Aberglaube besagt, man starte nicht

an Weihnachten, das gibt Ärger. Aber der zweite Weihnachstag wird auf

Gran Canaria nicht gefeiert, da kann also nichts passieren.

> Noch schnell Diesel bunkern (das Anlegemanöver an der Tanke war

traumhaft, der Ableger ein Bilderbuchbeispiel, wie man es nicht macht,

lieber Skipper) und dann raus aus dem Hafen. Draußen steht eine

ausgeprägte Welle, aber es herrscht fast kein Wind. Der ehrgeizige

Versuch, unter Segeln bis an die Seestreifen zu kommen, an denen in gar

nicht so großer Entfernung Wind ist, wird schließlich aufgegeben, so

unerträglich ist die Eierei. Maschine an, und hin zum Wind. Kaum beim

scheinbaren Windstreifen angekommen und Segel gesetzt ist der Wind schon

wieder weg. Also alles noch einmal. Dann geht es aber auch gleich

richtig los. Die Genua bleibt lieber aufgerollt, stattdessen stehen Groß

und Fock 1. Die sogenannte „Düse“ zwischen Gran Canaria und Teneriffa

zeigt, was sie kann. Die angesagten fünf Beaufort werden auf acht

gepuscht. Das ist immerhin schon ein wenig Sturm.

> Am nächsten Tag, aber natürlich schon in der Nacht, der Wind hat nicht

nachgelassen:

> „Die Genua. Die Genua rauscht aus.“

> Tatsächlich. Die Leine, mit der unser größtes Vorsegel eingerollt wird

hat sich gelöst und die Genua hat sich völlig ausgerollt. Sie weht

schlagend noch vor dem Sturmsegel. Sie hat sich um sich selbst und das

Vorstag verschlungen und ist zusätzlich von den Schoten in dieser

Position gefesselt worden. Es gibt kein vor und zurück. Erster Gedanke,

Schoten kappen, dann kann man den Rest vielleicht zu einer wilden Tüte

aufrollen. Andererseits dürfte eine wurstige und flatternde Tüte das

ganze Rigg erschüttern. Und wer weiß, wie lange der Sturm anhält. Hilft

nichts, die Genua muß abgeschlagen werden. Dann ab in die

Vorschiffskojen damit. Ich rufe Anke zu, was ich vorhabe. Sie bereitet

alles vor, räumt die Kojenpolster und alle empfindlichen Dinge bei Seite

und entriegelt das Vorschiffsluk. Zuerst muss die Sturmfock runter. Das

geht trotz des bockenden Schiffs recht schnell. Dann löst Anke am Mast

die Fallklemme, und ich ziehe das Segel am vorderen Liek herunter. Das

geht sogar recht einfach. Anke zerrt derweil am Schothorn und

Achterliek, um das Segel auf das Vorschiff zu bekommen. Der Wind fasst

dauernd hinein und will es außenbords wehen.

> „Lass es ins Wasser fallen, dann weht es wenigstens nicht aus!“

> Ich habe Angst, dass das wilde Segel einen von uns über Bord zerrt.

> Als ein Teil der Segelfläche seitlich vom Rumpf im Wasser schleift

reduziert sich endlich der Winddruck, und wir bekommen es ganz runter.

Leider hängt der größte Teil im Wasser.

> „Das Segel ist teilweise unter dem Boot!“

> „Egal, nicht dran denken (wir machen kaum Fahrt durchs Wasser, da wir

praktisch beigedreht treiben), ich ziehe es zum Bug, und du legst dich

auf das Tuch, das ich dir dann reiche. Nicht selber nach achtern ziehen,

dann kommt es nicht.“

> Die Schiffsbewegungen helfen. Immer, wenn der Bug hoch aus dem Wasser

gestiegen ist und beginnt, sich zu senken, kommt Lose auf das Segel.

Stück für Stück kann ich es so holen. Dann treten und boxen wir es durch

das Luk. Jetzt noch die Leinen und Fallen klarieren. Nach zweieinhalb

Stunden Keulerei ist endlich alles geschafft. Jetzt gibt es nur eins,

beidrehen und treiben lassen und erholen.

> Der erste Gedanke in der folgenden Morgendämmerung: Ist hier nicht die

Sahara? Links von uns? Und was ist das für ein Wetter? Den ganzen Tag

kühl. Himmel grau in grau.

> Okay, okay. (Seit dem vorangegangenen Absatz ist ein Tag vergangen.)

Wir sind doch bei der Sahara. Beim Morgengrauen ist der Himmel ganz

fahl. Die Sonne geht als blasse Scheibe auf und über dem Meer liegt ein

blasser, schmutzig rosa Schimmer. Harmattan. Wir haben also das große

Los gezogen. Ein Wüstenwind, der feinsten Staub von der Sahara weit auf

die See hinausträgt. Wir scheinen ein besonders kräftiges Exemplar

abbekommen zu haben. Der Staub schlägt sich überall nieder. Am Ruderrad,

an den Handläufen, an den Relingsdrähten, überall fühlt man ihn. Die

Finger werden ganz trocken und rot. Augen und Nasenschleimhäute werden

gereizt, Martin bekommt sogar Hüstelanfälle.

> Freitag, der 31.12.04 Heute ist eine Doppelpremiere. Zum ersten Mal

feiern wir Silvester auf See und zum ersten Mal begehen wir den Tag auf

dieser Reise. Und in der Nacht konnte wir erstmals das Kreuz des Südens

erkennen.

> Kurz nach 13:00 ist der Silvesterschmaus geritzt. Nach etwa einer

Stunde Köderbaden fängt Martin eine Goldmakrele.

> Anke hat am Abend die erste Wache übernommen. Martin versucht zu

schlafen und will kurz vorm Jahreswechsel aufstehen, wegen des Sektes

natürlich. Aber: eine halbe Stunde zu früh weckt ihn Anke:

> „Draußen droht ein Unwetter. Das sind keine Schiffe, die überlagerte

Munition verschießen.“

> Es fällt mir anfangs schwer, das zu glauben. Aber ein Blick aus dem

Niedergang nach oben – ungewohnte Wolken – und nach vorn – gerade in dem

Moment ein gewaltiger Blitz – überzeugen mich ganz schnell, und männlich

souverän und entschlossen kommandiere ich:

> „Die Segel müssen runter, das Sturmsegel kann rauf.“

> Wir bergen in echter Rekordzeit Selbstwendefock und Groß und setzen

das Sturmsegel. Am Radar verfolgen wir die Zugbahnen der einzelnen

Regenwolken. Wir sind mitten drin. Versuchen ihnen auszuweichen, aber

schließlich sind wir umgeben von Blitzen, Donnern und Wetterleuchten.

Der Spuk dauert eine geschlagene Stunde, von halb zwölf bis halb eins.

Fast wie der Weltuntergang. Dabei wenig Regen. Wir verlegen erst einmal

unser Silvester um eine Stunde. Das fällt nicht schwer, denn auf den

Kapverden muß die Uhr sowieso um eine Stunde zurückgestellt werden.

(Kapverden = UTC –1)- Das Wetterleuchten gestern war wohl doch nur das

Zündeln ein paar halbstarker Wolken.

> So kommen wir trotzdem zu unserem Neujahrssekt. Stammt aus dem Bremer

Ratskeller und ist ein Geschenk von Herrn Blank, Ankes Vorgesetztem.

Hiermit nochmals einen herzlichen Dank, wir haben den Sekt genossen.

> Der Harmattan begleitet uns auch weiter. Zwei Tage später machen wir

Sal aus, auf eine Meile Distanz! In Palmeira, dem Hafen von Sal klariere

ich ein. Dazu benötige ich 200 Escudos (=2 Euro), die ich nicht habe.

Wie kommt man daran, wenn es keine Bank gibt? Ich gehe in die nächste

Kneipe. Geld wechseln können sie zwar nicht, aber sie akzeptieren Euros

und geben Escudos als Wechselgeld raus. Da ich keine 5-Euroscheine mit

habe, bezahle ich mein Bier mit einem 2-Euro-Stück und bekomme 100 ESC

zurück. 4 Euros hinlegen und 300 ESC zurückbekommen geht nicht. Also

muss ich noch ein Bier trinken. Etwas fröhlicher als ich ihn kurz zuvor

verlassen habe trete ich wieder vor den Beamten und zahle die Gebühren.

> Auf Sal verbringen wir eine schöne Zeit mit netten Leuten von anderen

Booten, Carlos und Elisabeth vom TO-Stützpunkt, Enrique, einem

einheimischen Fischer und Schlitzohr. Lernen die Menschen, das

einheimische Leben wenigstens ein wenig und den hier gebrauten Grogue,

einen Zuckerrohrschnaps etwas ausgiebiger kennen. Merkwürdigerweise

kursieren nach wenigen Tagen Gerüchte von einem Martin mit elastischen

Beinen, der von Yachten schwungvoll in Dingis, und von diesen elegant in

die daneben schwimmenden Dingis hüpfen kann.

> Die Tage sind erfüllt mit vielerlei Geschäftigkeit. Wie immer sind

verschiedene Reparaturen zu erledigen, Besorgungen zu machen und Post

und Paketsendungen zu organisieren. Daneben heißt es Enrique, den

Fischer nebst Familie zu besuchen und ihm den Außenborder zu reparieren,

und mit den andern Yachties gemeinsam die Abende zu verbringen. Nach

einigen Tagen läuft die ANTJE ein, unsere Freunde aus Ostsee und Alvor!

Wir begehen ein fröhliches Wiedersehen und machen die Insel jetzt

gemeinsam unsicher. Große Besichtigungsfahrt zu den Salinen von Pedra da

Lume und zum Süden der Insel. Sal macht jedoch insgesamt einen sehr

trostlosen Eindruck. Es ist sehr wüstenhaft und gleicht einer flachen

Schutthalde mit ein paar Schuttbergen. Dafür entschädigen die

freundlichen Bewohner und die unkomplizierten Verhältnisse. Eine

zeitlang rätseln wir, wie es am besten zum Senegal geht, und ob wir auch

den Gambia-River besuchen sollen, aber dann erlöst uns die dort

ausgebrochene Cholera von unseren Planspielen. Werden auf den Kapverden

bleiben und uns hier noch etwas umschauen. Wir muessen ja eh noch auf

unsere Post warten. Nach einigen weiteren Tagen auf Sal segeln wir

gemeinsam mit der ANTJE, so heißt das Schiff von Norbert und Antje, die

80 sm nach Sao Nicolao. Die Insel gefällt uns doch viel besser. Bergig

und zerklüftet, mit Steilhängen und Steilküsten. Auch ist die Insel viel

grüner. Vor allem im Norden ist das Land fruchtbar und erlaubt eine

intensive Landbewirtschaftung. Bananen, Papaya, Kartoffeln,

Süßkartoffeln, Gurken, Tomaten, Paprika, Bohnen, Senf, Aloe vera,

Zuckerrohr, Zwiebeln, Knoblauch, Mais und vieles mehr wird hier

angebaut. Liegen erst vor Preguica, später vor Tarrafal, dem Haupthafen

der Insel. Haupthafen bedeutet jedoch nur ein kleiner Kai, an dem alle

zwei Tage eine Fähre und gelegentlich ein kleiner Frachter anlegt. Das

Wasser ist klar und hat angenehme Temperaturen. Einziger

Schönheitsfehler, kaum sind wir in Tarrafal angekommen, wird das Wetter

schlecht. Fallböen heulen von den Bergen, Der Himmel zieht sich zu, es

wird kalt und schließlich regnet es erst mal zwei Tage durch. „Im

Dezember und Januar regnet es gewöhnlich nie“ erklärt Antonio, der uns

gemeinsam mit anderen Yachties mit seinem Kleinbus über die Insel

kutschiert. Regen und Kälte scheint wohl unser Schicksal zu sein, und

Martin unkt bereits, dass es am Äquator schneit. Aber etwas postitves

hat der Regen doch: der braune Sand wird aus Rigg und Takelage

gewaschen, jedenfalls groesstenteils. Für diese SOM ist es jetzt auch

gut, denn auf der LEOA gibt es heute Sundowner. Also alles Gute, liebe

Daheimgebliebenen, bis zum nächsten Mal.

>

> Nachtrag, inzwischen sind wir wieder zurueck in Palmeira, die gesamte

Post ist gekommen, einschliesslich der Sendungen von Shipshop und

Brillen Wichmann. Vielen Dank. Und wenn jetzt die aktuellen Magen- und

Darmbeschwerden durch sind, starten wir nach Brasilien. D. h. morgen

oder uebermorgen ...

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> Euch allen alles Liebe und Gute

> Martin + Anke

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23-2-05 mail:Heute Morgen um 05:25 UTC haben wir auf 30°09,4 W den Aequator gequert. Der McDonald, der bei 30°00 W verankert ist, hatte geschlossen. An der Tür war ein mehrsprächiger Aushang: Die Gewerkschaft hat eine Ruhephase zwischen 22:00 und 7:00 durchgesetzt. Die Geschäftsleitung hat sich tausendmal entschuldigt. Zur Aequatortaufe gab es Sekt, ein Salzwasserbad, einen Fünfzack und ein Stück vom Band, das hier um die Erde gespannt ist.

Wir dümpeln jetzt bei 35°C und nahezu Windstille rund 45 Meilen weiter südlich dem Etappenziel Fernando de Noronha entgegen.

Euch allen liebe Gruesse,

Anke und Martin, SY Just do it.
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25-2-05 mail:Ola hier Lieben,

am 24.02.05 um 22:45 Ortszeit war der Anker fest in der Baia de Santo Antonio, Ilha Fernando de Noronha, Brasilien.

Dauer Überfahrt: 14 Tage 9 Stunden

Distanz nach Logge: 1.302 SM

Distanz nach Mittagsorten (GPS): 1.387 SM

Durchschnittliches Etmal: 96,5 SM

Crew muede, aber wohlauf.

Vielen Dank den freundlichen Helfern von Intermar fuers Wetter, der SY Breakpoint für die Positionsuebermittlung und de Willy (gute Besserung).

Bleiben hier ein paar Tage, dann geht es nach Salvador de Bahia.

Allzeit fair winds

Martin + Anke, SY JUST DO IT
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13-3-05 mail Hallo ihr Lieben,

heute am 13.03.05 um 14:50 Ortszeit haben wir in Salvador an einer Mooring festgemacht.

Nach 625 Seemeilen auf der Logge bzw. 6 Tagen und rund 4 Stunden. Insgesamt liegen jetzt 6755 Meilen im Kielwasser. Crew und Boot wohlauf.

Erste Landsicht heute morgen um 07:30 Ortszeit. Im Hafen haben uns Antje und Norbert von der Yacht ANTJE empfangen.

Jetzt machen wir gemeinsam einen Sekt auf, und dann gehts ab in die Stadt, ein Steak essen und ein Bier trinken und kreisende Hüften betrachten.

Herzliche Grüsse von

Martin und Anke

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29-3-05: mail :

Hallo Ihr Lieben,

hier unsere achte Standortmeldung. Viel Vergnuegen beim Lesen.

Und nur kein Neid. 34 Grad im Schatten bedeutet feuchte Klebrigkeit, Durst und allgemeine Ermattung. Aechz.

Feuchtheissklebrige Gruesse aus Salvador, der Stadt der rotierenden Hueften (nicht unsere ;-) )

Martin und Anke

SY Just do it

z.Zt. Salvador, Bahia, Brasilien:

SOM 8:

Von den Kapverden nach Brasilien

Eines Morgens in Tarrafal. Bin gerade aufgestanden und blicke verschlafen aus dem Niedergang, da entdecke ich von der Morgensonne in warmes Licht getaucht die ALEXANDER VON HUMBOLDT.

„Schau mal aus dem Fenster!“

„Wieso denn?“

„Nu schau doch mal. Die ALEXANDER VON HUMBOLDT liegt da.“

Eigentlich war heute eine Wanderung geplant. Aber jetzt müssen wir doch erst mal der Alex einen Besuch abstatten. Nach dem Frühstück paddeln wir rüber.

Hoch über uns beugt sich jemand über die Reling.

„Moin. Die Crew der JUST DO IT bittet an Bord kommen zu dürfen.“

„Weiß nicht ob das geht, ich frage mal.“

Wir eiern zur Galley, wo eine Pforte offen steht.

„Geh doch hoch und mach die Leine fest.“

„Ich geh doch nicht an Bord, wenn wir keine Erlaubnis haben.“

„Hab dich nicht so, das ist doch ein TO-Schiff.“

Unser Anrufpartner erlöst uns aus dem Disput und kündet Einwilligung von höchster Stelle an. Wir entern auf und verbringen dann längere Zeit an Bord. Interessante Gespräche und Schiffsbesichtigung. Und außerdem eine Einladung zum Mittagessen.

Es gibt kaltes Schweineschnitzel mit Kartoffelsalat und Ei.

„Na, wohl lange kein Fleisch mehr gegessen.“

Komisch, dachte ich auch gerade.

„Na lang mal zu, nimm dir noch ein Schnitzel.“

Offenbar mache ich einen sehr ausgehungerten Eindruck. Jedenfalls bekommen wir zum Abschied noch ein Carepaket mit vier Schnitzeln.

In Tarrafal hält es uns nur begrenzte Zeit, Santa Lucia lockt. Nach einem kurzen Halbtagestörn erreichen wir gemeinsam mit der ANTJE die unbewohnte Insel und gehen vor einem langen, weißen Sandstrand vor Anker. Hier verbringen wir einige traumhaft einsame Tage, faulenzen am Strand, besteigen Hügel und schnorcheln im warmen Wasser. Die Landgänge sind recht abenteuerlich, vor allem, wenn der Schwell etwas stärker ist und entsprechende Brandung erzeugt. Aber wir kommen stets heil durch. Am letzten Abend sind wir bei Norbert und Antje zum Abschiedessen eingeladen.

Wegen des zunehmenden Windes peilen wir ständig wir nach unserm Boot. Und tatsächlich JUST DO IT beginnt zu driften. Wir ärgern uns über uns selbst, da wir wußten, dass der Anker nicht hundertprozentig eingefahren war. Aber nach 20 m greift er wieder und jetzt richtig. Leider lässt uns unsere Unruhe nicht mehr los, und so beschließen wir, direkt wieder an Bord der JUST DO IT zurückzukehren. Antje und Norbert haben Verständnis und geben uns noch ein Carepaket mit: zwei gegrillte Fische und Kartoffelsalat. Komischerweise lässt der Wind nach, kaum dass wir an Bord sind. Aber jetzt ist es egal, das Carepaket wird hier verspeist.

Von Santa Lucia geht es wieder zurück nach Tarrafal. Martins Magen-Darmprobleme lassen eine direkte Rückkehr nach Sal nicht zu. Von Tarrafal geht’s weiter nach Carrical ganz im Osten von San Nicolao, und von dort kreuzen wir dann gegen den Passat nach Palmeira. Hier verbringen wir noch weitere schöne Tage, erhalten alle erwarteten Paket- und Briefsendungen und genießen die Gastfreundschaft von Carlos und Elisabeth, die hier einen TransOcean-Stützpunkt betreiben. Doch irgendwann zieht es im Innern immer stärker, und der längst überfällige Aufbruch wird nicht mehr verschoben.

Ein letzter Landgang mit den absolut allerletzten Einkäufen, Abschied von Carlos und Elisabeth und all den andern Freunden, dann verlassen wir am Donnerstag, den 10.02. um 14:00 unseren Ankerplatz und streben bei schönstem Sonnenschein dem blauen Horizont entgegen.

Der Tag vergeht, und am nächsten Morgen stehen wir zwischen San Sebastian und Fogo. Den ganzen Tag über können wir jetzt das Panorama von Fogo, einer Vulkaninsel ähnlich wie Teneriffa, bewundern. Leider geraten wir hier in einen unerwarteten Gegenstrom, der uns fast 20 Meilen unserer Tagesleistung kostet.

Die Tage verstreichen recht ereignislos. Seit dem dritten Tag gibt es bedeckten Himmel, der von nun an unser stetiger Begleiter wird. Nix Passat mit Passatwolken. Am vierten Tag löst sich beim Segelwechsel das Fall, mit dem Martin das Vorsegel hochziehen will und vertörnt sich um Vorstag und Babystag und hängt in unerreichbarer Höhe. Es hilft nichts, Martin muß in den Mast und das Fall vom Top aus klarieren. Premiere bei Seegang auf hoher See. Anke wird vom Zuschauen noch schlechter als Martin selbst, der ist schließlich beschäftigt und kann sich über seine Situation gar nicht so viele Gedanken machen. Es geht aber alles gut, und kurz vor Dunkelheit ist wieder alles klar.

Die Angelei bereitet unerwartete Probleme: Die Fische reißen die Köder ab, die Sehne bricht, die Fische haken wieder ab, ein einziges Desaster. Einzig zwei armselige Strumpfbandfische verunglücken an den Haken. Da sie extrem grätenreich sind, verwendet man sie am besten in einer passierten Suppe. Am sechsten Tag bemerken wir, daß unser Trinkwasser im Tank trübe wird. Wie gut, daß wir einen Wassermacher haben und uns frisches Wasser in Kanister abfüllen können. Dafür schaffen wir heute unser bisheriges Rekordetmal von 129 Meilen. Die Tage bleiben grau und kühl. Ich verbreite über Funk, dass uns Hagelschauer heimsuchen, denn die anderen Segler berichten von drückender Hitze, was wir bald gar nicht mehr glauben wollen. Erst am achten Tag, kurz vor dem Äquator erreicht die Lufttemperatur mit einem Mal 32°C. Am 10. Tag haben wir das schlechteste Etmal der ganzen Reise: 52 Meilen.

Wir richten uns mit unserem Kurs nach den Anweisungen aus kaiserlichen Zeiten. Auf den Kapverden gab es zahlreiche Diskussionen, auf welcher Länge der Äquator am besten gequert werden sollte. Die meisten Boote vor uns queren die Linie recht weit im Osten bei 25 oder 26° W, da sie befürchten, den Südostpassat auf der „anderen Seite“ zu stark von vorn zu bekommen, und alle bleiben darauf hin in den doldrums hängen. Wir wollen sie bei 29° oder 30° queren. Und die alten Anweisungen erweisen sich als zutreffend (oder haben wir nur Glück?), wir kommen praktisch ohne nennenswerte Windstillen durch die Doldrums. Der Wechsel von Nordost- auf Südostpassat erfolgt mit einer Bö, die vielleicht eine Stunde anhält, und schon sind wir auf der meteorologischen Südhalbkugel:

11. Tag: Anke sitzt an der Amateurfunke und hört das Wetter von Intermar-Klaus, ich schlafe in der Vorschiffskoje. Wache auf, weil ich seitlich wegrutsche. Höre sofort schlagende Segel: Na; angeluvt denke ich und zähle bis zehn. Jetzt müsste sich eigentlich etwas tun. Und tatsächlich, das Boot richtet sich auf, das Schlagen der Segel endet. Aber nur wenige Augenblicke später legt sich der Kahn wieder auf die Seite und das Schlagen der Segel beginnt erneut. Ich jumpe aus der Koje und stürze nackt wie ich bin zum Niedergang. Anke kämpft am Steuerrad. Es schüttet wie aus Eimern.

„Ich kann das Boot nicht halten. Und kannst du mir die Öljacke bringen?“

Ich hole die Jacke und übernehme das Ruder. Der Wind hat erheblich zugenommen. 20 bis 23 Knoten, gelegentlich mehr. Unter dem Blister ist das Boot nur mit Mühe auf Kurs zu halten. Es will immer in die Sonne schießen. Steuere wie ein Lämmerschwanz und versuche, das Boot direkt vor dem Wind zu bringen, um die Belastung für das Segel so gering wie möglich zu halten. Es muß unbedingt runter, nur wie? Erst mal alles vorbereiten und hoffen, daß der Wind wenigstens etwas nachlässt. Als es uns so erscheint tauschen wir die Rollen. Anke geht ans Ruder, ich aufs Vorschiff. Auf mein Zeichen wirft Anke die Blisterschot los und ich zerre am Niederholer für den Bergeschlauch. Der rührt sich nicht einen Zentimeter, obwohl ich mich mit meinem gesamten Gewicht daran hänge. Muß schon ein witziger Anblick sein, denke ich. Martin nackt bei strömendem Regen an einer vom Mast hängenden Leine auf und nieder hüpfend.

„Wir müssen das Ding so runter holen. Ich fiere das Fall, luve du etwas an.“

Hand über Hand lasse ich kontrolliert das Fall, das den Blister normalerweise im Masttop hält. Der Blister schwebt immer weiter weg, aber immerhin senkt er sich langsam Richtung Wasseroberfläche. Als er erst ein paar mal etwas eingetaucht ist senkt er sich wegen des zunehmenden Gewichtes schneller. Anke steuert derweil das Boot so, dass das Segel immer seitlich von uns fliegt bzw. schwimmt. Nun kommt der schwerste Akt, das ganze nasse Ding an Deck zergeln. Brauche für die ersten zwei Meter Tuch meine ganze Kraft, aber dann geht es zunehmend besser und schließlich ist das ganze Segel samt Bergeschlauch geborgen. Wir stopfen erst mal alles in den Segelsack und transportieren den in das Cockpit. Ganz schön schwer, so ein nasser Blister - an sich ein federleichtes Segel.

Am nächsten Tag erhalten wir unerwarteten Besuch, Jimmy, ein rotfüßiger Tölpel landet auf unserem Hecklicht und begleitet uns die ganze Nacht. Will wohl mit uns den Äquator überqueren. Früh morgens um 06:25 ist es so weit. Auf 030°09,4´ W queren wir die Linie. Neptun und Rasmus haben uns nicht besucht. Darüber waren wir auch nicht undankbar. Vermutlich hatten sie mit dem McDonalds zu tun, der auf 30° W auf die Segler wartet und gerade umgebaut wird.

Wieder ein Tag später, es wird dunkel. „Ich hole mal eben die Angel rein.“

„Oder besser, ich lasse sie noch eine Viertelstunde draußen, bis die Dämmerung zugenommen hat.“

Der beste Weg, die Leine zu vergessen. Es dauert auch nur etwas mehr als 20 Minuten, da surrt die Leine los. Surrt? Ach ja, habe vergessen die Ratsche einzuschalten. Hin zur Rolle, Bremse anziehen. Die Sehne läuft und läuft und läuft schon wieder. Die verbleibende Leine auf der Rolle wird so wenig wie noch nie, Und plötzlich ist der Zug weg.

„Mist. Abgehakt.“

„Doch nicht, ist doch noch da. Anke mach mal lieber das Gaff klar.“

Ich kämpfe eine halbe Stunde mit der Rolle. Anfangs zieht der Fisch stetig Leine, aber dann lässt der heftige Widerstand nach und er sperrt sich nur gegen das Einholen.

Endlich ist er kurz hinter dem Schiff.

„Licht, wir brauchen Licht.“

Ein langgestreckter, eher hechtartiger Körper.

„Eine Goldmakrele ist das nicht.“

Anke turnt bereits mit dem Gaff auf die Heckplattform.

„Anke, kann das ein Barracuda sein?“

„Ein Hai ist das doch nicht. Das ist doch kein Hai?“

Auf Hai habe ich wirklich keine Lust.

„Nein, das ist kein Hai.“

Ich ziehe den Fisch bis unmittelbar an die Plattform und Anke schlägt beherzt mit dem Gaff zu. Keine feine Methode, aber es gibt keine bessere. Dann übernehme ich das Gaff vom Heck aus und ziehe den Fisch hoch. Der Fisch wird immer größer. Ziehe ihn über die Großschotschiene, bleibe an den Leinen der Selbststeuerung hängen, aber schließlich habe ich ihn im Cockpit. Bereits auf dem Weg dorthin gießt Anke ihm Hochprozentiges in die Kiemen. Zur Sicherheit bekommt er aber auch noch einen Stich ins Herz. „Kann nur ein Wahoo oder auch Kingfish sein.“

Er hat einen langgestreckten, blaugrauen Körper, Rücken dunkler als Bauch, mit einer doppelringelartigen Bänderung am Rücken. Die Flossen unterstreichen seine Verwandtschaft zu den Thunfischen. Wir messen 1,20 m bis zur Schwanzwurzel und 1,40 bis zur Schwanzspitze. Damit ist der ruhige Abend natürlich im Eimer, und sogar der normale Wachplan. Der Fisch muß zerlegt werden, um das empfindliche Fleisch möglichst schnell in den Kühlschrank zu kriegen. Wohin bloß mit dem vielen Fleisch.

Am 24.Februar sind wir den ganzen Tag unruhig und halten ab Nachmittag ständig Ausschau nach Land. Aber erst bei Dunkelheit tauchen plötzlich Lichter auf. Wo Lichter sind, ist gewöhnlich ein Ort, und ein Ort befindet sich vermutlich auf einer Insel. Von den Feuern ist dagegen nichts zu sehen.

„Noronha in Sicht!“

Da wir keine genaue Papierseekarte haben legen wir einen sorgfältigen Kurs auf der elektronischen Karte fest und tasten uns dann vorsichtig in die Ankerbucht, wobei wir die äußere Wirklichkeit ständig mit dem Bild auf unserem Computer vergleichen. Eine Viertelstunde vor Mitternacht sitzt der Anker im Grund, der Motor erstirbt. Wir sind angekommen. Nach 14 Tagen und 9 Stunden, bei 1987 Meilen über Grund und einem Durchschnittsetmal von 96,5 Meilen, wobei wir nie den Motor zu Hilfe genommen haben. Setzen uns auf ein Glas Wein ins Cockpit und reden wenig. Im Mondlicht grüsst der Morro de Pico, der erhobene Zeigefinger der Insel.

Früh am Morgen sitzen wir wieder im Cockpit. Bestaunen das Grün rings um uns her. Wir sind in den Tropen angekommen. Unverkennbar. Das ist eine ganz andere Insel als alle, die wir bisher gesehen haben. Üppig bewachsen, grün, mit frischem Geruch. Fregattvögel und Tölpel in der Luft, bunte Boote an den Moorings. Delphine als Morgenbegrüßung. Freundliche Menschen. Wir klarieren ein und zahlen für vier Tage, bleiben aber letztlich 10 Tage. So gut gefällt es uns hier. Genießen die Strände, das ruhige Leben, lernen Tino und sein esoterisch-anarchistisches Restaurant kennen. Er bereitet den besten Fisch im Bananenblatt auf der ganzen Insel. Zweimal besuchen wir sein Palmenblattrestaurant und geniessen seine Kochkünste. Ganz nebenbei macht er mit uns kleine Exkursionen. Zeigt, wo welche Früchte angebaut werden, und wir werden von den Landwirten beschenkt mit Cashew, Limonen, Mango, Mangito, Karambolen, Avocado und und und. „Wozu Gemüse und Obst kaufen, wenn man es für ein Dankeschön bekommen kann?“ meint Tinio.

Mit Schildkröten, Rochen und Delphinen tauchen wir um die Wette. (Ärgerlich, immer verlieren wir.) Es ist schon faszinierend, wenn dich ein Delphin von unten antaucht, um dich kreist und dann vor dir im Wasser verschwindet. Hier könnte man lange bleiben, und so mancher ist hier auch hängen geblieben, z.B. McDorian, ein Schotte, der hier eine Kneipe betreibt.

Schließlich geht es aber wieder weiter. Fernando de Noronha ist eine wunderbare Insel, aber der “Eintritt” ist zu teuer. Das Liegen kostet 50 EUR pro Tag (Hafen- und Naturschutzabgabe), wobei es darüber viel Streit gibt und auch Einheimische meinen, daß dies unzulässig ist. Als der Anker auf geht meldet sich der Hafenmeister per Funk: „You should come ashore, we have to talk about your fee for the last days.“ Wir wollen nicht so richtig. „Did I understand correct, your dingi is broken?” Ah, die goldene Brücke. „Positiv, positiv, our dingi is broken.“ „Doesn´t matter, have a good trip.”

Von der folgenden Überfahrt gibt es nicht viel zu berichten. Es war unsere bisher schönste, recht zügig, kaum Welle, immer guter Wind aus der richtigen Richtung. Zwar treibt es uns erst zu stark auf die brasilianische Küste zu, aber wir richten uns nach den Anweisungen des Segelhandbuchs für die kaiserliche Marine, und danach soll man nicht zu früh kreuzen, sondern erst dann über Stag gehen, wenn das Land dazu zwingt. Meist ändert sich der Wind noch. Und so ist es auch. Wir segeln die ganze Strecke bis Salvador auf einem Bug. Einziger Schönheitsfehler, bei einem Bergemanöver reißt ein Loch in den Blister. Schade, jetzt müssen wir auf unser Leichtwindsegel verzichten.

Das Festland zeichnet sich eines Morgens als weißlicher Streifen ab: Blendende Dünenlandschaften, etwas weiter südlich grau werdend, und dort schält sich die Skyline einer Millionenstadt aus dem Morgendunst. Salvador. Der Wind steht wunderbar durch, und wir halten auf die Einfahrt der Bahia de Todos os Santos zu. Auch die Tide unterstützt uns, und mit über 8 kn über Grund rauschen wir unserem Ziel entgegen. An der Hafeneinfahrt des Stadthafens empfangen uns Norbert und Antje mit dem Dingi und lotsen uns an eine freie Mooring. Dann heißt es, erst mal die Aufregung der Ankunft fallen lassen, und den Neue-Welt-Ankunftssekt köpfen.

(Und da wir jetzt im prallen Leben der Bahia und Salvadors versacken, hört hier die SOM 8 auf. Euch allen Daheimgebliebenen und Woandersreisenden gute Zeiten und fair winds

Martin + Anke

SY JUST DO IT, z. Zt. Salvador de Bahia, Bahia, Brasilien

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15-4-05 mail: Hallo Herr Reinke,

wir sind jetzt einige Monate unterwegs, und uns ist aufgefallen, wie viele Reinkes in der weiten Welt rumschippern. Habe angefangen, die Boote zu fotografieren, leider etwas verspaetet und anfangs noch voellig unsystematisch. Dennoch hier die Ausbeute der ersten Versuche. Leider habe ich auf den Kanaren gerade die ganzen 15er fotografisch verpasst, aber vielleicht trifft man sie ja wieder.

Hier also meine Ausbeute. Bie Super 10 (Mittelkiel) und die Hydra aus Stahl, der Rest Alu. Bei Interesse verfolge ich meine Sammlung gerne weiter bzw. sende ihnen die Ergebnisse. Breakpoint, Antje, Wunderbar, Quercus G. halten sich z. Zt. alle in Brasilien auf.

......

Fotos von Reinkes

Typ Name Heimathafen Begegnung Datei

Hydra - - San Sebastian, Gomera Hydra-Gomera.jpg

Super 10 Ulla Kingstown, Jamaica Palmeira, Sal Ulla-10er-Sal

Super 10 Quercus G. Fernando de Noronha QeuercusG-10er-Noronha

Brasilien

Euro Antje Rostock Palmeira, Sal Antje-Euro-Sal

13M Breakpoint Hamburg Palmeira, Sal Breakpoint2-13er-Sal

13M Wunderbar Salvador, Brasilien Wunderbar-13er-Salvador


Sichtungen von Reinkes

Typ Name Heimathafen

15M Pegasus Neuss (?) Alvor, Portugal

15M Lucie Köln Puerto Mogan, Gran Canaria

zwei weitere 15er in Marina Rubicon Lanzerote, ein Super 10-Verschnitt auf Gomera

(leider habe ich anfangs keine Daten notiert)

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17-6-05 SOM 9:

In Brasilien - von Salvador bis Rio 01.06.05

Was soll man zu Salvador schreiben? Eine Millionenstadt mit prallem Leben und extremen Gegensätzen. Wo soll man anfangen? Von den Cafesinos berichten, den Kaffeeverkäufern in den Straßen, die ihre Thermoskannen und Becher mit Lkw-Imitationen durch die Straßen karren? Von den Zuckerrohrpressen und den Kokosnussanbietern? Von den Favelas, in die man unversehens geraten kann, denn Salvador ist buntscheckig wie kaum eine andere Stadt. Zur Beruhigung, auch in „unserer“ Favela waren die Leute freundlich, wir haben sie nicht nur lebend verlassen, auch wurde uns nichts gestohlen. Im Gegenteil, man sprach englisch! Oder sollten wir besser von den Kunstschätzen berichten, und der Kunstszene. Sakralbauten wie der Igreja Sao Francesco mit einem verschwenderischen Reichtum an Ornament und Skulptur, alles in Gold, oder auch ganz schlicht und puritanisch einfach? Der Fülle an Galerien mit farbenprächtigen naiven Bildern, brasilianische Motive mit afrikanischen Anklängen? Schließlich ist der Bundesstaat Bahia, dessen Hauptstadt Salvador ist, stark von den Nachkommen der einstigen Sklaven geprägt. Oder erzählen von den Künstlern, die eine eigene Formensprache suchen, mit ganz ungewohnten Ansätzen? Oder von den Dichtern, die unerwartet - z. B. in einem Cafe - vor einem stehen und ihre Werke rezitieren? Den Tanztheatern? Dem Capueira, einem Kampftanz, dem Condomble, der Manifestation einer besonderen Religion? Von der Armut, den Bettlern, den Touristenneppern, den Huren? Den phantastischen Morenas, den hiesigen Schönheiten, die so unnachahmliche Hüftbewegungen beherrschen? Den Hinterhofkneipen mit der so authentischen Live-Musik? Den Musikhöfen, in denen die Post abgeht, und in deren Toiletten man meist zu zweit geht? Entweder zum Schutz, oder um ... Oder von der Architektur? Die vielen phantastischen Bauten der vorletzten Jahrhundertwende verfallen und geben der Stadt einen morbiden Rahmen, und doch, auch in diesen Häusern lebt es, lebt man. Etwa so: unten vielleicht noch Geschäfte, darüber wohnt wer, hat an den Decken Plastikplanen gegen den Regen befestigt, darüber drei unbewohnte Stockwerke und fast kein Dach. Erzählen von der Architektur, die es bei uns kaum in diesem Umfang gibt, Art Deco, Bauhaus, de Stil, Moderne? Oder muß vom Essen berichtet werden? Obst und Gemüse werden fast verschenkt. In einem comida a kilo lässt es sich mit Getränk für wenig Geld gut speisen. Man zahlt nach Gewicht. Je nach Qualität des comidas kostet das mit Getränk zwischen 1,50 und 3 EUR pro Nase. Von den rodizios, in denen man einen Festpreis zahlt und essen kann bis man umfällt. Nur Getränke und Nachttisch gehen extra. Oder dem Soho, dem besten Japaner, dem ich bisher begegnet bin. Unvergleichlich lecker und vielfältig, hier trifft sich die upper class (wer eine vermögende Erbin sucht, sollte hier mit der Suche anfangen). Hier wurde ich, Martin, süchtig. Wären wir in Salvador geblieben, hier würde ich mich um mein Kapital und meinen Verstand geniessen. Oder sollte stattdessen auf die Behörden eingegangen werden, die man zur Einklarierung aufsucht: Policia Federal (Einwanderung), Sanitario (Gesundheitsbehörde), Aduana (Zoll), und Capitana dos Portos (Hafenbehörde). Besser, ich schweige, sonst schreibe ich in drei Monaten noch.

Irgendwann mussten wir weg, Brasilien ist ja noch so groß. Erstmal in die Bahia vor der Stadt. Ein großes geschütztes Revier voller verträumter Inseln und Buchten, Nebenarmen und Zuflüssen, und eine andere Welt. Auf Itaparica füllten wir unsere Tanks und Kanister mit frischem Quellwasser aus der anerkannt besten Quelle Brasiliens. Hier erfahren wir, daß der neue Präfekt der Insel erstmals ein reicher Mann ist. Er muß sich nicht erst auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, sondern er tut wirklich was fürs Volk. Als erstes hat er die ausstehenden Löhne der Verwaltungsangestellten bezahlt, die Günstlinge seines Vorgängers entlassen, mit der Reparatur der Straßen begonnen und dafür gesorgt, daß staatliche Programme auch vor Ort ankommen, etwa die kostenlose zahnärztliche Versorgung. Bei Tororo ankerten wir direkt vor einem Wasserfall, erfrischend kühle Dusche morgens, mittags, abends. Bei der Ilha Bom Jesu verkauften uns Fischer 2 kg Langusten für 9 EUR, in Maragujipe und Cachoeira besuchten wir die bunten Märkte, staunten, wie sich Autoverkehr und Eisenbahn die gleiche Brückenüberfahrt zwischen Cachoeira und Sao Felix teilen, besuchten im glücklichen Felix die wiederhergestellte Dannemann-Fabrik und erstanden dort eine Handvoll Zigarren. Auf den Gewässern der Bahia wird eifrig gefischt, mit Angel, mit Reusen, mit Netzen, mit Dynamit. Nicht ohne Grund bewegt sich mancher Fischer mit einer Hand weniger durchs Leben. Der Einbaum ist hier noch ein ganz normales Verkehrsmittel, teilweise wird er sogar gesegelt, und regelmäßig finden Einbaumregatten statt. Dann tragen die canus zwei Masten und zwei Segel, sind mit drei bis vier Mann besetzt, von denen drei in einem Trapez ausreiten. Man muß in einem kippligen Einbaum gesessen haben, um das Können der Segler überhaupt zu begreifen. Wirtschaftsgüter werden mit Lastenseglern transportiert. Nachts rauschen sie mit einem leichten Zischen an der ankernden Yacht vorbei, manchmal singt der Schiffer. Und in so mancher Bucht trifft sich die Seglerfreundesgemeinde, ist freudig überrascht, und feiert mit Caipirinha, dem bevorzugten Party- und Sundowner-Getränk.

Die Küsten und Gestade sind flach bis hügelig, eine eher liebliche Landschaft. Vom Wasser aus sieht es nur wenige Meilen jenseits von Salvador fast so aus, als sei man im Busch. Was nicht ganz stimmt. Mitten in der Wildnis findet man dann eine Grillhütte, mehr ein Grillpalast mit funktionierender Dusche! Die Ufer sind fast immer von Mangroven gesäumt, dahinter schließt sich häufig eine Art Urwald an. Mit der Dämmerung wird ein Schalter umgelegt, und es beginnt, eingeläutet von einem unbeschreiblich lautem Heuschreckensignal ein allgemeines Getöse und Gekreische und Gebrülle. Eine Stunde später ist es wieder ruhig.

Für einen Ausflug ins Landesinnere sind wir wieder nach Salvador zurückgekehrt. Per Bus in die Chapada Diamantina. Ja, hier wurde bis vor fünf Jahren nach Diamanten geschürft. Allerdings waren das nur Industriediamanten. Heute ist die ganze Gegend Nationalpark. Machen mehrere Wanderungen und bewundern die ganz andere Landschaft mit kleinen Tafelbergen, tiefen Tälern, Tropfsteinhöhlen, Einbruchskratern und mehr. Am beeindruckendsten der Wasserfall, der 380 m über der „Sohle“ abstürzt, aber dort unten nie ankommt. Das Wasser wird einfach verweht. Je nach Wasserspende etwas höher oder tiefer. Wieder zurück, wird es endgültig Zeit, sich von Salvador zu lösen. Wir klarieren aus - das muß man hier auch, wenn man nur in den nächsten Bundesstaat will - und fahren über Itaparica nach Tororo. Vor dem Wasserfall lassen wir unser Boot mit der Tide trocken fallen und säubern das Unterwasserschiff. Dann geht es durch den Itaparica-Kanal hinaus in die offene See. Am Abend laufen wir in die Bucht von Camamu ein, wo wir von unseren Freunden, den Crews der Antje und Tanoa schon erwartet werden. Verbringen eine gemeinsame Woche in dieser Bucht, mit Grillabenden, Mückenbegleitung und einem Vorstoß bis ans Ende der Bucht, dem Wasserfall von Tremembe. Ausgelöst durch ein Foto in unseren Revierhandbüchern wird viel phantasiert. Jede Crew will mit dem eigenen Boot vor den Wasserfall fahren und auch so ein Foto machen. Wir halten zwar nicht so viel davon, da das letzte Stück vom Revierführer nicht mehr beschrieben wird und es auch keine Karten bzw. Tiefenangaben gibt, aber wir haben seltsamerweise schon mal die Wegstrecke vom Dingi aus gelotet. Und so kommt, was kommen muß: Anke holt den Anker aus dem Grund. Vorsichtshalber, und weil wir ihn anschließend sowieso brauchen, lassen wir ihn vor dem Bug bereit zum Fallen hängen. Gehe auf knapp über Leerlaufdrehzahl, und mit etwa 2,5 kn drehen wir in den Nebenarm ein. Der erste, weite Rechtsbogen um dieses süße kleine Mangroveninselchen muß ganz außen genommen werden. Knirsch an den Mangroven des Prallufers geht es vorbei. Dann kommt ein Nebenarm nach links, danach setzt sich die Rechtskurve fort. Die Einmündung des Nebenarms fahre ich nicht richtig aus, und prompt wird’s flach, noch flacher, 0,0 m zeigt das Echolot und wir stecken in Schiet.

„Nach links, Du musst nach links.“

Ich lege den Rückwärts gang ein.

„Nicht rückwärts, links ist tief.“

„Hinter uns, wo wie herkommen ist auch tief.“

„Aber links ist die Rinne.“

„Hinter uns ist auch die Rinne.“

„Egal, aber tu was.“

Wieso eigentlich nicht vorwärts?

Mal probieren. Gang rein, kräftig Gas, und Just do it schiebt sich voran. Vorwärts mit Linkstendenz wühlen wir uns durch den Schlick. Wie langsam Zeit doch vergehen kann! Aber dann beginnt das Echolot wieder angenehmere Zahlen anzuzeigen. Wir sind wieder in der Rinne. Schwitz.

Linker Hand kommen zwei Stangen mit weißer Farbhaube. Hier müssen wir uns vom linken Ufer lösen und zum rechten Ufer pendeln, auf den dortigen Abzweig zu. Von dort erst wieder knapp an den Mangroven längs, Linkskurve, dann in der Flussmitte halten und immer eine leichte Tendenz zum Prallhang erkennen lassen. Dem Fluß entsprechend durchschlängeln. Da kommt auch schon der alte Steinanleger.

„Wo sind eigentlich die andern?“

„Die Dingis sind vor dem Wasserfall.“

Anke steht am Bug und kann mehr sehen als ich. An dem Anleger des kleinen Restaurants wieder zur Mitte abweichen, und dann mit leichtem Linksbogen in den Pool am Fuß des Wasserfalls. Immer näher ran. Schön vorsichtig, denn hier ist felsiger Grund. Unmittelbar vor dem Wasserfall stoppe ich auf. Und freundlicherweise ist hier ein Wirbel, der uns nahezu unbeweglich an Ort und Stelle hält. Jetzt folgt eine umfangreiche Fotosession. Wir sind die Stars, Norbert und Michael, die mit ihren Crews mit den Schlauchbooten gekommen sind, müssen fotografieren. Die Rückfahrt verlief ruhig und ohne Probleme.

Nach einer knappen Woche werden wir alle unruhig. Schon seit Tagen herrscht Nordostwind. Untypisch für die Jahreszeit und ideal, um Süd zu machen. Und wir alle wollen doch zu den Abrolhos. So starten am Montag, den 23. Mai erst die Antje, gleich drauf die Tanoa und eineinhalb Stunden später auch die Just do it. Fröhliches Segeln über den Tag und die Nacht, aber am nächsten Morgen lässt der Wind nach, und schließlich herrscht Flaute. Wir sind ganz stolz, haben wir doch in der Nacht die vor uns gestarteten Boote ein- bzw. überholt. Die Flaute zwingt zum Motoren, da eine Winddrehung zu erwarten ist. Tja und während der Motorfahrt passiert es: ein Schlauch des Warmwasserboilers löst sich, und der Inhalt entleert sich in den Motorraum. Mal wieder. Und da die Trinkwasserpumpe nicht abgestellt, der Bilgealarmgeber dagegen nicht aktiviert ist, pumpt sie ungestört immer weiter Wasser in den leeren Boiler. Glücklicherweise fällt mir die sinkende Motortemperatur auf (Ölwanne steckt bereits im Wasser) und ich bemerke das Malheur, bevor es zu ernsthaften Schäden kommt. Also Motor aus, Wasser rauspumpen. Erst mit einiger Verzögerung stellen wir fest, daß der gesamte Trinkwasservorrat futsch ist. Macht aber nichts, wir haben ein paar Reservekanister und jetzt kann der Wassermacher ran. Ein Vorteil hat das ganze auch noch, ich habe bei der Gelegenheit entdeckt, daß die Kühlwasserpumpe des Motors undicht ist. Wäre sonst noch lange nicht aufgefallen. Weigere mich aber, jetzt weiter zu motoren. Wir warten wie echte Segler auf den Wind. Der kommt schließlich auch und wird auch richtig lebhaft. Reffen die Segel Schritt für Schritt ein, bleiben aber flott unterwegs. Dank der modernen Technik können wir auch wagen, was früher undenkbar gewesen wäre. Mit dem GPS fahren wir trotz Dunkelheit und Böen mit bis zu 30 kn in das Riffgebiet der Abrolhos, steuern die vergleichsweise tiefe Rinne im Westen der Insel an und laufen dann direkt zum Ankerplatz. Die Antje hat Lichter gesetzt, um uns auf den letzten Metern den Weg zu zeigen. Kurz nach Mitternacht fällt der Anker.

Es folgen unruhige Tage. Das Wetter ist schlecht, Wolken, keine Sonne, viel Wind, Schwell. Der Wind dreht wie vorhergesagt auf Süd, und wir alle müssen auf die Nordseite der Insel ausweichen. Hier liegt man bedeutend unruhiger. Und jede Nacht ist etwas los. In der ersten geht die Antje auf Drift, von da an Ankerwache, d. h. im 2-Stunden-Rhythmus abwechselnd Schlaf oder Wache. In der zweiten ist der Wind so ungünstig, daß sowieso Ankerwache gegangen werden muß, in der Dritten schlafen wir, als uns Norbert mit der Funke alarmiert: Wind hat gedreht, liegen fast auf Legerwall. Ankerwache. Danach verlassen Tanoa und Antje fluchtartig die Insel. Tanoas Rio-Pläne werden revidiert. Beide gehen zurück nach Salvador. Fliegender Abschied, zurück bleibt Leere. Wir sind doch ziemlich traurig und hoffen, sie irgendwo auf der Welt noch mal zu treffen!

Wir bleiben noch einen Tag. Schnorcheln ein wenig, haben sogar Sonne und die Fische leuchten blau und gelb und grün. Schildkröten und eine Schule Kleinwale kommen vorbei. Balzende Fregattvögel und Tropikvögel. Aber die Nacht ist wieder unruhig. Da hauen wir auch lieber ab. Hätten lieber am Abend vorher die Abfahrt vorbereiten sollen. So kommen wir erst um halb zwölf weg. Trotz eines guten Etmals von 130 Seemeilen erreichen wir unser rund 170 Meilen entferntes Ziel Vitoria erst kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Finden den Yachtclub ohne Probleme und legen und vor Heckanker mit dem Bug zur Pier an. Jetzt gibt es erst mal Sushi. Hatten auf der Überfahrt Anglerglück: Erst eine Spanische Makrele, die Anke rausholte während ich tief und fest Siesta hielt. Eine gute Zweipersonenportion. Aber man könnte ja noch eine Makrele für den nächsten Tag bekommen. Also ging der Köder gleich wieder außenbords. Nicht lange danach kreischt die Ratsche der Angelrolle auf. Fetter Brocken. Kämpft lange und leistet hartnäckig Widerstand. Hole den Fisch ran und Anke hakt ihn mit dem Gaff. Ein dicker Thun von 7 kg. Bestes Fischfleisch für die nächsten Tage. Die Makrele wurde noch am gleichen Abend verzehrt, Thun gibt es von heute an. Und dann die erste wirklich ruhige Nacht seit Tagen.

In Vitoria hatten wir etwas Pech mit dem Wetter, es hat z.B. 3 Tage hintereinander geregnet. Aber wir sind einen Tag mit einem Einheimischen, Aurelio und seiner Frau und Sohn Adler (!) in die Berge gefahren in eine ehemals deutsche Siedlung, wo wir choucroute [schu-krutsch] = Sauerkraut mit Würstchen und Kassler gegessen haben, dazu gab`s deutsches Bier. Hat wirklich gut geschmeckt. Auf das Eisbein haben wir dann aber doch verzichtet.

Von Vitoria nach Rio war`s dann etwas anstrengend, zeitweise nur 15 min. Wind von Backbord, danach Flaute - also Genua rein - danach 15 min. Wind von Steuerbord - hoffnungsvoll Genua wieder raus aber danach wieder Flaute - also Genua wieder rein und so fort. Grausam. Teilweise haben wir dann doch auch auf den Jockel zurückgegriffen.

Am letzten Donnerstag sind wir dann in die Guanabara-Bucht von Rio gefahren, es war unsere bislang spektakulärste Hafeneinfahrt. Rio liegt landschaftlich sehr schön sowohl am Atlantik als auch an einer großen Bucht, ist von Bergen umgeben und auch von Bergen durchzogen, an denen sich z.T. Villen aber auch Favelas hochziehen. Die bekanntesten - Zuckerhut und Corcovado, der mit der Christusstatue - haben wir dann an den folgenden beiden Tagen gleich erobert. Man hat einen grandiosen Blick von da oben! Das Wetter ist übrigens bislang wunderschön, blauer Himmel, Sonnenschein und eine angenehme gar nicht feuchte Wärme. Ade Regen von Bahia!

Und jetzt müssen wir wirklich Schluß machen, wir haben besseres zu tun als Emails zu schreiben: Rio wartet auf uns!

Euch allen Daheimgebliebenen und Woandersreisenden gute Zeiten und fair winds

Anke + Martin, der heute Premiere hat: er raucht eine Zigarre, die er in Cachoeira bei Dannemann kaufen musste! So was! Mal sehen, ob ihm nachher schlecht wird...;-)

SY JUST DO IT, z. Zt. Rio de Janeiro, Brasilien

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22-8-05 Som10:

Ihr Lieben, dear friends,

lange war nichts von uns zu hören. Sind auch nur wenige Seemeilen vorangekommen, haben dafür aber viel in Brasilien erlebt. Hier nun unser jüngster Bericht. Viel Freude beim Lesen, und lasst mal von Euch hören. Wir freuen uns über jede Nachricht, denn wir erhalten nur wenig Post.

SOM 10:

In Brasilien - von Rio bis Santos 18.08.05

Wie in Salvador: was soll man zu Rio schreiben? Nun, unser erster Gang ist formeller Natur. Suchen den Hafenkapitän auf und klarieren ein. Dann spazieren wir quer durch das Zentrum, besuchen die Touristeninformation im 9. Stock eines Hochhauses, wo wir mit Cafe bewirtet werden, und starten gleich anschließend durch auf den Zuckerhut. Sind spät dran und schaffen es nicht ganz bis zum Sonnenuntergang oben zu sein. Dafür haben wir einen phantastischen Ausblick auf Rio und die Bucht bei Nacht. Wieder unten fallen wir einem Taxifahrer in die Hände, der uns für den nächsten Tag eine Rundtour durch Rio für 250 Reais aufschwätzt. Immerhin, so bekommen wir einen schnellen Überblick über einige Highlights: Corcovado, Slums (eher eine Luxusvariante, keine Wellblechhütten, solide Häuser, mehrstöckig, mit Strom, Wasser und Fernsehantennen, z.T. getüncht), Macarana-Stadion, das größte Fußballstadion der Welt, ein Edelsteinmuseum, das sich als Juwelier mit Verkaufsabsichten entpuppt - bleiben aber standhaft - Ipanema, Tijuca-Nationalpark. Rio ist eine große Stadt, aber erstaunlich grün. Überall Parks, Straßenbäume, und die steilen Berge sind meist naturbelassen, also grün. Der Tijuca-Nationalpark ist ein Art atlantischer Regenwald. Bereits im letzten Jahrhundert wieder aufgeforstet, nachdem die Wasserversorgung Rios wegen Raubbaus an den Wäldern zusammenbrach. Wieder in unserer Marina platzen wir unverhofft in eine Stegfete. Es gibt ein Barbecue und Getränke für alle Anwesenden und gute Stimmung mit Gitarrenmusik und Gesang.

Die Tage in Rio vergehen wie im Flug. Besichtigen alte Stadtviertel wie Gloria und Santa Theresa, das wir mit einer alten Tram erreichen, besichtigen alte Kirchen und die moderne Catedral Metropolitana, essen Kuchen in der Confeteira Colombo, in der man sich um hundert Jahre in die Vergangenheit versetzt fühlt und lassen uns quasi vor der Haustür der Marina überfallen. Das war ein nicht so glücklicher Moment und hat mich den Großteil meiner Fotoausrüstung gekostet. Lassen uns aber nicht lange abschrecken und streifen weiter durch die Stadt. Drei Tage später habe ich zumindest eine neue Kamera, wenn auch nicht die, die ich verloren habe, und das zu Bruch gegangene Brillenglas ist ebenfalls ersetzt. Besuchen Ipanema und Copacabana, immer zu spät am Tag, um die Strandschönheiten ausreichend zu würdigen und genießen den Botanischen Garten, besuchen das Anwesen von Burle Marx, dem Künstler und Gartenarchitekten Brasiliens usw. usw. An der Promenade von Copacabana hatten wir noch eine denkwürdige Begegnung. Ein junger Schuhputzer taucht auf. An Ankes Sandalen ist nichts zu machen, aber meine wildledernen Seglerschuhe muß er doch unbedingt putzen. Aber ich will nicht so richtig.

„There is shit on the shoe.“

„There is no shit on my shoes.“

„True man, there is shit on the shoe.“

„There is no shit. I don´t want my shoes cleaned.“

„Man. There is shit on the shoe. I am specialist for shit on shoes. Look there!“

Schau mir meinen rechten, ihm etwas abgewandten Schuh an, auf den er deutet und tatsächlich, auf der Innenseite des Schuhs klebt eine braune Wurst. Knapp unter meiner Hose. Wie ist denn das dahin gekommen? Und so hoch?

„That´s shit.“

Nehme mir mal den Utensilienträger des Jungen und schaue hinein. Nicht viel zu sehen außer einer Bürste und einer undurchsichtigen Tube.

„Anke, kannst Du mir mal ein Taschentuch geben?”

„Was willst Du denn damit?”

„Nu gib mal.”

„That´s shit man.“

Nehme das Taschentuch und wische die Wurst erst mal grob ab und führe das schön verschmierte Tempo an meine Nase.

„Laß´ das doch, das ist ja ekelhaft.“

„Wieso?“

„Das ist ekelhaft.“

„That´s shit.“

Ich rieche. Riecht nicht nach Shit. Plötzlich ist der Junge weg.

„Riecht eindeutig nach Schuhcreme.“

Dummer Junge, jetzt hätte er meine Schuhe putzen dürfen, um die Schuhcremereste zu entfernen. Hätte allerdings nicht bezahlt. Na ja, die shit-on-shoe-show war gut.

Das soll aber keine falschen Eindrücke hervorrufen. Die Cariocas, so nennen sich die Einwohner Rios selber, sind freundlich und hilfsbereit. Der Optiker bot uns an, uns durch die Stadt zu fahren, eine junge Frau half uns stundenlang beim Erwerb einer Telefonkarte und und und. Schließlich sind drei Wochen vergangen. Wollten eigentlich nur zwei Wochen bleiben, aber Erkältungen bzw. Brasiliengrippe hielten uns fest. Dann gab es noch einen besonderen Höhepunkt. Ausgerechnet in „unserer“ Marina wurde BRASIL 1 fertiggestellt. Zum ersten Mal nimmt Brasilien am Volvo-Ocean-Race teil. Fasziniert betrachten wir jeden Tag die Fortschritte, die der Renner macht. Auf eine Teilnahme an der Tauffeier verzichten wir, als wir erfahren, daß Lula, der Staatspräsident wegen innenpolitischer Probleme auf sein Erscheinen verzichtet. Kommen Abends aber doch noch so rechtzeitig vom Tagesprogramm zurück, um uns in die letzten Züge der Feier einzuschleichen und von den gereichten Häppchen zu probieren.

Dann legt neben uns die SEARCHER an, und wir erfahren von Skipper Alve vieles über das Segeln in den Hohen Breiten, speziell bei Kap Horn. Zum Abschluß besuchen wir per Fähre das jenseits der Guanabara-Bucht gelegene Niteroi. Hier soll es mehr Niemeyer-Bauten geben als sonst wo in Brasilien. Leider hatte das Museum für moderne Kunst - ähnelt einem UFO - gerade geschlossen. Und die anderen Bauten waren entweder im Rohbau, oder noch gar nicht begonnen. Wegen Geldmangel ist der ganze Campo Niemeyer seit einem halben Jahr eine Bauruine. Macht nichts. Zum Abschluß besuchen wir noch einmal Corcovado, diesmal per Zahnradbahn, und Zuckerhut, und dann heißt es endgültig Abschied nehmen.

Am nächsten Tag starten wir kurz vor Sonnenuntergang und können noch einmal die phantastische Silhouette Rios in der Dämmerung geniessen. Mangels Wind motoren wir zunächst. Mit niedriger Drehzahl, da das Unterwasserschiff in den drei Wochen stark bewachsen ist und der Propeller unrund läuft. In der Nacht kommt freundlicherweise Wind auf und wir können segeln. Kurz nach der Morgendämmerung schält sich die Einfahrt zur Bucht von Ilha Grande aus dem Dunst. Die Bezeichnung ist irreführend, denn es handelt sich nicht um eine Bucht von Ilha Grande, sondern um eine weitaus größere Bucht, die von Ilha Grande zum Meer hin geschützt wird. Finden eine kleine, versteckte Bucht, von außen nicht einsehbar, in der wir erst einmal vor Anker gehen. Ein perfektes Piratennest. Es folgen meist sonnige Tage in einem wunderbaren Revier. Hier gibt es angeblich 360 Inseln, praktisch für jeden Tag eine. Und Buchten und Ankerplätze. Kann man gar nicht alles erforschen. Wir besuchen nach einigen Tagen Angra dos Reis, die größte Stadt an der Bucht. Treffen vor der Pousada von Klaus, dem hiesigen TO-Repräsentanten, die BREAKPOINT und die ATLANTIS. Es folgen gemeinsame Tage mit Klönschnack und abendlichen Barbecues. Tom von der BREAKPOINT muß sich aufgrund unvorsichtiger Äußerungen als Grillmaster beweisen. Und er überzeugt. Dann bekommen wir noch netten Besuch: Sylvia, Michael und Beate von der TANOA reisen per Bus von Rio an und machen mit uns einen Tagestörn zur „Blauen Lagune“. Als wir auf der Rückfahrt nach Angra sind, wo ihr Bus abfährt, stellt Michael plötzlich fest. „Mist, wir sind zu früh umgekehrt.“ Wir waren gemeinsam bis zu den Abrolhos gesegelt, aber dort sind sie genervt vom Schwell und entgegen ihrer ursprünglichen Absichten nach Salvador zurückgekehrt. Rio haben sie jetzt per Flieger aufgesucht. Nach einigen Tagen setzen wir uns gemeinsam mit der BREAKPOINT ab und erkunden aufs Neue die Inselwelt. Beim Inselchen Buzios, man kann hier nur tagsüber ankern und muß abends einen geschützteren Ort suchen, fahren wir per Dingi an einen der Felsen und schnorcheln ein wenig. Wieder im Dingi starte ich den Außenborder.

„Anke, kannst den Anker reinholen.“

Nach ein paar Zügen an der Leine:

„Geht nicht, sitzt fest. Wieso hast du den auch auseinandergeklappt.“

Wir nutzen für das Beiboot einen Klappdraggen. Ich halte von den Dingern eh nicht viel. Das Dingi lag die ganze Zeit nur vor dem Gewicht, da er sich beim Absenken wieder geschlossen hatte. Bei einem Tauchgang hatte ich die Ankerleine einmal angehoben, um zu prüfen, wie schwer der Draggen unter Wasser ist. Dabei klappten die Fluken auseinander und ich ließ es so. Der Anker lag auch schön auf einem Sandfeld. Aber jetzt hat er sich offenbar verhakt. Was hilft es. Da ich tiefer tauchen kann und mit dem Druckausgleich weniger Probleme habe muß ich ins Wasser. Verzichte auf Gewichte und ziehe mich an der Ankerleine in die Tiefe. Die letzten anderthalb Meter sind die fiesesten, da ich wegen der etwas undichten Taucherbrille und der schnellen Abstiegsgeschwindigkeit den Druckausgleich auch nicht gut hinbekomme. Der Anker hat sich doch tatsächlich mit einer Fluke unter einer Felsplatte verkeilt. Rüttle und wackle, aber er kommt nicht raus. Ächz auftauchen.

Nochmal runter, rütteln und wackeln, kein Erfolg.

Nächster Gang, versuche mich unten auf die Füße zu stellen und den Draggen am Schaft rauszuhebeln, stoße dabei mit einer Hand an einen Seeigel, habe aber Glück, keine Stacheln. Und kein Erfolg. Ächz.

Nochmal runter. Auf halber Strecke verfängt sich mein rechtes Bein in der losen Ankerleine. Arrrg. Nur die Ruhe bewahren. Bein auswickeln und wieder an die Oberfläche. So ein Mist.

Ein paar mal tief durchatmen und wieder runter. Diesmal bin ich ganz wild entschlossen, wirble um meine Achse, stelle mich auf den Grund, beschleunige den Körper nach unten und habe jetzt für ein paar Momente keinen Auftrieb. Diesmal ziehe ich an einer der Fluken - und habe Glück. Der Anker ist frei. Loslassen oder mitnehmen? Lieber mitnehmen bevor er sich wieder verhakt. Auch wenn es den Aufstieg deutlich verlangsamt.

Weiter nach Parati, einen sehr malerischen Ort im äußersten Südwesten der Bucht. Hier komme ich in einer Kneipe zu einer geradezu klassischen Betrachtung: „So habe ich mir das Leben und Reisen in Südamerika vorgestellt: in einer gemütlichen Bar sitzen, in der jazzige oder alte südamerikanische Kneipenmusik gespielt wird, was Kleines, Leichtes essen, ein kaltes Bierchen zischen oder einen Cocktail schlürfen, draußen scheint die Sonne, und (die Bar hat zahlreiche mannshohe Türen, keine Fenster) und vor den Fenstern schlendern traumhafte Morenas mit schwingenden Hüften vorbei.“ Vor den Fenstern schleppt ein Mann eine Leiter vorbei und zwei beleibte Touristen geraten ins Blickfeld. Na ja, auch Bruce Chatwin hat mal festgestellt, daß er Reportagen schreibt, aber ein wenig Fiktion sei immer dabei. Oder auch: kein irdisches Paradies ist ohne Makel. Aber von den gerade fehlenden Morenas kann man ja ein wenig träumen.

Weiter geht es zu den beiden in der Nähe gelegenen „Fjorden“. Tief ins Land eingeschnittene schmale Wasserzungen an deren Scheitel Mangrovensümpfe warten. Da warten allerdings auch noch Sandflies auf Opfer und stürzen sich in Scharen auf unser frisches Fleisch, als wir mit Tom und Tatjana eine gemeinsame Dingiexpedition machen. Am nächsten Morgen beobachten wir hektisches Treiben auf BREAKPOINT, und tatsächlich, Tom und Tatjana gehen Anker auf. In die Flucht geschlagen von Miriaden Moskitos. Ihre Mückennetze waren zu grob gestrickt. Unsere haben gehalten, aber von außen sind sie schwarz von den Mistviechern! Da flüchten wir lieber auch. Frühstücken können wir noch unterwegs!

Nachdem wir den Atlantik erreicht haben steht der Wind gut und wir setzen die Segel. BREAKPOINT ist uns eine gute Stunde voraus, aber wir holen sichtbar auf. Auf BREAKPOINT geht plötzlich das Groß hoch, und jetzt müssen wir uns anstrengen, um dran zu bleiben. Mit unserem vielen Bewuchs als Bremse gibt es da Grenzen. Jaja, ein Boot segelt, zwei Boote segeln eine Regatta. Übernachten bei der Ilha das Couves und motoren am nächsten Tag nach Ilha São Sebastiao, genannt Ilhabela - schöne Insel. Wieder mal kein Wind. Liegen kostenlos in einem feudalen Club, mit phantastischen Anlagen, Sauna, Tennisplatz, Swimming-Pool, kleinem Strand, Restaurant und Sushi-Bar!!!!!! Davon kann man in Deutschland nur träumen. Hilft nichts, jetzt werden Tom und Tatjana zu Sushi verführt. Nach anfänglichem Zögern sind beide sehr angetan und Tom prägt den Ausdruck der Fischpraline.

Hier trennen sich unsere Wege, da wir nach Santos wollen, um einige Bootsarbeiten zu veranlassen. Laufen Santos bzw. Guarujá auf dem gegenüberliegenden Ufer am frühen Morgen bei Nebel an. Ein faszinierend gespenstisches Erlebnis. Machen bei Supmar (sprich: Supimar), einer Familienwerft fest. Dort liegen wir seit ein paar Tagen. Die neuen Steckschotten, ein neues, hoffentlich dichteres Alu-Schiebeluk und ein Tagestank für den Dieselofen und diverses andere sind fertig. Wir sind auch fleißig, wenn wir nicht gerade mit den Stegnachbarn Churrasco machen oder gemeinsam essen gehen. Superfreundliche Leute. Marcello stellt uns spontan seinen Volvo für Ausflüge zur Verfügung, bei Dieter können wir ins Internet ... und Schweißer Pedro aus Punta Arenas bringt uns noch vor der Arbeit Kuchen zum Frühstück. Sind froh, daß wir uns doch entschlossen haben, die Arbeiten noch in Brasilien zu erledigen. Und der Simmerring der Wasserpumpe hat sich selbst repariert, sie leckt nicht mehr. Manchmal muß man die Sache eben einfach aussitzen. Für alle Fälle haben wir bereits in Angra Ersatz an Bord genommen. Sind immer wieder von Brasilien und den hiesigen Möglichkeiten fasziniert.

So, nun ist genug geschrieben, sind schließlich beim Heute angekommen. In den nächsten Tagen geht’s weiter nach Porto Belo.

Euch allen Daheimgebliebenen und Woandersreisenden gute Zeiten und fair winds

Martin + Anke

SY JUST DO IT, z. Zt. Guarujá, Brasilien

PS.: Anläßlich eines abendlichen Gesprächs möchten wir noch einen Nachtrag machen. Hatten von elterlicher Seite Besorgnis hinsichtlich der hiesigen Hygiene- und Toilettenverhältnisse gehört. Natürlich kann man hier schon recht makabre Örtchen vorfinden, z. B. in mancher Hinterhofkneipe in Salvador, aber in der Regel sind die Verhältnisse gut, und nach oben gibt es eine völlig offene Skala. Den Vogel abgeschossen hat sicher das Restaurant der Bahia-Marina, ebenfalls in Salvador, ein richtiges Wohnklo, durchgestylt, mit frischen Blumen, nur die Liege fehlte. Oder wahre Designerklos im Soho und im Madame Butterfly, beides Japaner. Und die Sanitärräume des Restaurants Barracuda der Marina in Rio boten u.a. auch Zahnseide! Genauso sieht es in den meisten Küchen aus. Sehr ordentlich und sauber, teils mit einem Standard, den man auch in Deutschland nicht findet. Das Personal arbeitet gelegentlich mit Mundschutz, Handschuhen und Haarnetzen! Also keine Sorge, wir leben keineswegs gefährdet.

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31-8-05 Mail:

Immer wieder gibt es aus der Heimat Beschwerden, daß wir uns auf dringende Fragen nicht melden und daß wir einfach nicht erreichbar seien. Gerade gab es mal wieder eine solche, was mich zu diesem kleinen Aufsatz angeregt hat.


Die Nichterreichbarkeit des Blauwasserseglers

Man und logischerweise auch wir geht ja auf eine solche Reise, weil man sich in der Welt umschauen möchte, aber auch, um mal weit weg zu sein von all dem teutonischen Alltag mit seinen Problemen und Problemchen. Man träumt von fernen Stränden, einsamen Buchten, wärmender Sonne und und und, und das ganze ganz allein. Als Mann erträumt man sich vielleicht noch etwas exotische Schönheit dazu, was frau sich erträumt weiß ich nicht genau, aber das gehört nicht hierher. Und dann ist man oder frau oder beides eines Tages doch tatsächlich unterwegs.

Und dann?

Was waren das vor ein paar Jahren noch herrliche Zeiten! Man schmiß in irgendeinem deutschen Hafen die Leinen los und war weg. Richtiggehend weg und verschwunden. Für niemand erreichbar. Nach einem halben Jahr konnte man an einem vorher vereinbarten Ort ein paar kilo Briefe abholen (hoffentlich) und loswerden. Manche der Briefe wurden von einem vereinbartem Ort zum nächsten hinterhergeschickt, und noch einen weiter, richtig abenteuerlich. Und selbst Brieftonnen gab es hier und da, in die man seine Briefe reinsteckte, ein anderer Segler auf dem richtigen Kurs nahm sie dann mit. Dem Hörensagen nach soll es so was sogar noch geben. Na ja, und in all der Zeit war man von und für niemanden erreichbar. Nicht einmal für das Finanzamt.

Nun schreitet die Welt aber immer voran. Und der Lauf der Dinge auch. Das Y2K ist vorbei, und alles beschleunigt sich mehr und mehr und wächst zusammen und globalisiert sich. Die Elektronen jagen nahezu mit Lichtgeschwindigkeit durch kupferadrige Netze, Photonen, oder sinds nur Lichtwellen (ich bin kein Physiker, aber ich glaub, ganz genau weiß sowieso keiner was Licht eigentlich ist) jagen mit ebensolcher Geschwindigkeit durch Glasfaserbündel und elektromagnetische Wellen mit nicht minderer Vmax rasen zu Satelliten und wieder zurück. Und all das bündelt sich, um mich armes, alleines, in den Weiten des Ozeans treibendes Seglerwürmchen in den Fokus zu nehmen, auf mich einzustürzen und zack, eh ich mich verseh, mit all der Welt zu verbinden, die ich doch so weit hinter mir lassen wollte. Das ist ja an sich schon schauderhaft genug. Aber schlimmer noch, ein jeder weiß, daß es so ist und nicht anders. Und nun?

„Der Kerl muß doch erreichbar sein?“

„Wieso meldet sich der Depp denn nicht?“

„Das ist ja eine Frechheit! Ich maile mir die Finger wund und schlage mir die Nächte um die Ohren, und dieser Simpel reagiert nicht!“

Nun, lieber Freund an der Heimatfront und der trüben mitteleuropäischen Sommerkulisse, in der Theorie geht das alles fix und schnell und simpel, aber in der Praxis gibt es da doch ein paar Tücken und die Physik, die ich ja nicht sonderlich beherrsche, spielt auch noch ein wenig mit. Und aus ist´s mit der Erreichbarkeit. Jetzt kann ich nicht erfahren, dass Wutz, der Dackel, nicht die Sau, von einer Zecke gebissen wurde. So ein Pech. Aber warum nur? Warum?

Hier ein paar Antworten zum warum.

Welche Verbindungen zur Welt haben wir denn?

1. Telefon und Handy.

2. Satellitentelefon, wenn man eines hat.

3. die Kurzwellenfunke, wenn man eine hat

4. das Internet

Fangen wir mal mit Telefon an. Telefonzellen gibt es an Land, mehr oder weniger häufig. Man braucht Kleingeld oder Telefonkarten oder einen Telefonierladen. Den Standort muß man erstens kennen, zweitens finden, drittens erreichen können, das Geld oder die Karte nicht vergessen haben, sofern man eine Karte erworben hat. Karte und Telefon müssen funktionieren, und – man muß überhaupt an Land und in der Nähe eines bewohnten Ortes sein. Gar nicht so selbstverständlich. Und dann ist es meist furchtbar teuer.

Fazit: Das klassische Telefon fällt in der Praxis aus, weil eine der vielen oben genannten Problemchen den Kontakt unterbinden.

Das Handy verspricht da schon mehr Erfolg. So man ein Triband-Handy hat, oder mindestens zwei Handys besitzt, die man je nach landestypischem System abwechselnd nutzt. Jetzt denke mal nur nicht, man telefoniere mit einer deutschen Telefonkarte. Nein, nein, dann muß die Reise wegen Finanzschwierigkeiten drastisch gekuerzt werden. Man benoetigt eine heimische Karte. Nur welche? So viele Anbieter, und alle mit anderer Netzabdeckung! Und da ist das erste große Handyproblem. Europas Netzabdeckung ist eine sagenhafte Ausnahme. Es ist halt ein altes, dicht besiedeltes Kulturland mit flächig breit gestreuter Kundschaft. Im Rest der Welt sieht das ganz anders aus. Riesige, menschenleere Flächen und örtliche Ballungen. Da gibt es keine Flächenabdeckung, erstens, weil es zu aufwendig wäre, und zweitens, weil in vielen Landstrichen keine potentiellen Hörer leben. Und der arme Segler konzentriert sich ja nicht auf die Millionenmetropolen unseres Heimatplaneten, sondern auf die eher verwaisten Landstriche. Nix Abdeckung, ist doch logo, oder? Und außerdem, die Kueste ist nicht gerade flach, in Brasilien z.B. von Rio ab nach Süden, und hattest Du auch eben noch Kontakt, ja, das kleine Hügelchen hinter dir hat ihn dir genommen. Und weiter als 20 km von der Küste entfernt erreicht dich die Station des Providers meines Vertrauens dann eh nicht mehr. Aber lassen wir es gut sein, die Verbindung steht.

„Schmusi, das Katzentier hat - - - piep piep piep ...“

Ja wo ist denn die Verbindung? Da war doch eine Anzeige auf dem Display? Wieso denn kein Guthaben mehr? Ich rufe doch nicht an, der Anruf kam doch aus Buxtehude! Ja mein Freund, (wieso eigentlich nicht meine Freundin?) der Provider TIM hat gerade mein Vertrauen zerstört: er berechnet mir Einheiten für dieses Auslandsgespräch. Und nicht zu knapp: 2,5 Minuten für umgerechnet 15 EUR. Da lasse ich das Handy lieber aus. Hand aufs Herz, tätest Du doch auch, oder?

Aber wir haben ja noch das Satellitentelefon. Weltweite ungestörte Deckung, Tag und Nacht, mit einer Kommunikationsanmutung wie seinerzeit bei den Mondlandungen. Das ideale Instrument, oder gibt es hier auch ein paar Fallen? Wir vernachlässigen mal den Kostenaspekt und unterstellen einen reichen Onkel aus Amerika, der die Abenteuerlust seiner Enkel mit Freude sponsort. Dafür kann er auch ab und zu per mail an der Reise teilhaben. (Kann auch ein reicher Onkel aus Brasilien sein, die sind auch nicht zu verachten.) Nun, dieses Gerät braucht erst einmal relativ viel Strom, muß ja bis zum Satelliten funken. Kann also nicht dauernd auf standby sein, sonst zutzelt es die Bordbatterien leer. Dann muß es den Satelliten sehen können. Wie es das macht, weiß ich nicht, habe noch keine Auge oder was ähnliches an ihm entdeckt, aber wenn zwischen ihm und dem Satellit ein Hindernis ist, ein Dach beispielsweise, war es das. Und ab und zu hält man sich ja unter Dächern auf. Regnet gerade. In den Tropen gar nicht so selten. Das Boot hat übrigens auch ein Dach und befindet sich auch gelegentlich im Regen, und wir wollen die empfindliche Hochleistungsapparatur doch nicht den Wetterunbilden aussetzen. Einspruch der Zensur: es gibt eine kleine Zusatzantenne, die man durch eine Ritze im Boot raushängen kann, das Satellitenhandy und der Telefonist bleiben trocken. Okay, okay, man kann ja mal versuchen zu flunkern.

Das Grundproblem bleibt. Und Hochhäuser, außerhalb Deutschlands viel verbreiteter als wir es uns vorstellen und hohe steile Berge können die Sichtbeziehung der beiden Partner genauso unterbinden wie ein Dach. Was noch? Das Ding ist groß und schwer. Läßt sich nicht in eine Hosentasche stecken und weckt am Gürtel getragen Begehrlichkeiten. Also führt man es nur in Ausnahmefällen mit. Aber, keine schlechte Alternative, vor allem, wenn Du lieber deutscher Freund weißt, daß du mir über die homepage des Providers Iridium per Internet kostenlose sms auf das Gerät schicken kannst.

Fazit: Gar nicht so schlecht, wenn man von den Kosten absieht und im Hinterkopf behält, daß es trotz allem nicht immer klappen muß mit unserem connect.

Jetzt kommt der Knaller. Mickey Mouse, Kurzwelle, SSB, alles meint das gleiche, die Amateurfunke. Stop! Halt! Das geht nicht, das ist illegal. Um sie als ordentlicher deutscher oder us-amerikanischer oder sonstiger Staatsbürger weltweit nutzen zu dürfen, braucht es eines Berechtigungsscheines. Funkbetriebszeugnis Klasse I heißt dieser im deutschen Lande. Und erfordert eine eingehende Beschäftigung mit der Hochfrequenzmaterie einschließlich Erwerbs vielfältiger hochfrequenter Fertigkeiten und einer abschließenden bundesbehördlichen Prüfung. Danach kann man sich die Funke auch selber basteln. Das alles braucht Zeit und Lerngelegenheit. Beides hatte ich nicht (mehr). Was nun? Ganz einfach. Die Meere sind frei (was nicht stimmt) und ich funke illegal. Deutschland ist weit. Und in einem Land, wo es die Erlaubnis einfach zu kaufen gibt, erwerbe ich gleich ein halbes Dutzend. Mit dem Funken ist es aber so eine Sache. Irgendwann ist man für die bescheidene Leistung so eines Bordfünkchens einfach zu weit weg von der Heimat. Und Hand aufs Herz, die Sache hat noch einen Haken: Bist Du Amateurfunker, oder wenigstens Deine Tante? Oder Dein Nachbar? Das könnte sogar sein, es gibt mehr als Du denkst. Guck mal, wer in Deiner Umgebung eine ungewöhnliche große Antenne auf dem Dach hat, oder sogar einen Mast mit Antennen im Garten? Den frag doch mal ob ... Stop! Schon wieder! Jetzt darf Dein Nachbar nicht. Das heißt, an sich darf er schon, er hat schließlich als braver Germane das vorgeschriebene Erlaubnispapier. Aber er darf wiederum nicht, weil ich so ein Gesetzesbrecher bin. Redet er mit mir, bricht er seinerseits das Gesetz und sieht sich schon hinter schwedischen Gardinen. Mist. Was nun. Nun, die Zeit schreitet voran und der Mensch ist findig. Datentransfer erfolgt heute überall, warum nicht auch per Funke. Ich brauche ja nicht reden, es genügt doch, wenn ich bits und bytes über den Äther sende. Hat sich ein findiger Mensch gedacht. Und so gibt es doch eine Lösung. Emails über die Funke. Per pactor. So nennt sich das Modem, daß - kaum glaublich deutscher (!) Erfindergeist (!! So was gibt es noch, machen doch sonst die Japaner, neben köstlichem Sushi!!) - das Ganze weltweit möglich macht. Die Frage, weshalb ich die Funke jetzt nicht mehr ganz so illegal nutze, lasse ich im Raum stehen. Habe ich noch nicht verstanden.

Gut. Wir können jetzt also Daten funken. Heißt: ich. Aber nur, wenn es dämmert und dunkel wird, nicht am Tage. Bei mir. Und bei der Gegenstation. Weil sich die süßen kleinen Hochfrequenzschwingungen dann anders verbreiten. Jetzt gibt es leider für mich halblegalen Datenfunker nur wenige Gegenstationen in der Welt. 15 oder 20. Die sind aber verteilt. Meine sollte aber tageszeitlich möglichst genauso dunkel liegen, also möglichst nahe am gleichen geographischen Längengrad. So konnte ich hier im Süden von Brasilien, wo ich gerade tippse, die nächstgelegene Station (in Chile) trotz theoretisch bester Voraussetzungen nicht erreichen. Dafür aber Lunenburg in Neuschottland. Das ist in Kanada. Geradezu am anderen Ende der Welt. Also es klappt, und die Daten flutschen. Wenn die Sonnenflecken mitspielen. Die beeinflussen nämlich die Ionosphäre (s. Lexikon) und damit auch die Ausbreitung der Funkwellen, so war´s, glaube ich. Nix Verbindung mit Lunenburg. Oder ganz schlecht. Und liege ich in einer Bucht mit steilen Bergen oder neben Hochhäusern geht auch nix mehr. Hatten wir ja schon. Ein starker Sender in der Nähe (Radio), da geht auch nix mehr. Viele Masten von Segelschiffen in der Umgebung, in einer Marina vielleicht, richtig: nix.

Aber heute geht es. Nur wie schnell? Zu Hause mit der Internetsteckdose dauert es einen Lidschlag deiner hübschen braunen Augen, und die kB rauschen nur so durchs Kupfer. Dat is hier nu mal anders min Jung, würde Onkel Hein sagen. Ümmer hübsch sachte. 1.000 Bytes, das ist 1 kB, also fast nichts (guck mal, wie groß diese Textdatei ist), die können per Funk, wenn es ganz schlimm kommt schon mal 10 Minuten brauchen, bis sie übertragen sind. Hat man Glück, geht’s in 30 Sekunden. Und das bedeutet Probleme. Weil viele Leute diesen Datenfunkdienst nutzen wollen, aber nur wenige Frequenzen zur Verfügung stehen, steht dem Einzelnen nur wenig Funkzeit zu. Für uns etwa 45 Minuten in der Woche. Klingelts? Eine mail von 10 Minuten frisst ein Fünftel der Gesamtfunkzeit. Und wir brauchen den Datentransfer auch, um an unsere Wetterprognose zu kommen. Lebenswichtig. Und diese Dateien sind auch nicht gerade klein. Und wenn gerade viele Menschen ihre Daten funken wollen, ist der Provider hart. Ganz hart. Er lässt mich nach Verzehr meiner 45 Minuten einfach nicht mehr rein. Kein connect. Das war´s dann für die nächsten Tage. Aber es gibt auch anderes. Die Atmosphäre spielt verrückt. Gewitter. Kein connect. Der Kühlschrank hat das Bordstromniveau zu weit runtergezogen. Die Spannung ist zu niedrig, die power zu schwach. Kein connect. Die Gegenstation wird gewartet. Kein connect. Ist besetzt. Kein connect. Der Betreiber hat gesoffen, kein connect. Manchmal verzweifelt man, aber es gibt eben keinen connect. Und dann kann noch der Horror schlechthin passieren: Du bekommst, heißt ich bekomme, eine mail, hoffentlich warst Du das nicht. Wehe. Nicht nur, daß Du Dich nicht gewürzter Kürze sondern epischer Breite bedient hast, nein, Du Schussel (das war sehr zurückhaltend), Du hast den Re-Button in deiner Bedienoberfläche gedrückt. Du schickst mir also meinen Text, auf den du antwortest, vollständig mit zurück. Und wenn Du Wert auf einen Mord legst (how to hire a contract killer, Du erinnerst Dich) fügst Du noch ein paar Bilddateien an. Die mail kann ich in der verfügbaren Zeit niemals runter laden. Das merkt auch die sendende Gegenstation und bricht nach 20 Minuten ab. Aber sie löscht Dein Gesums nicht. Und am nächsten Tag will sie ihn mir wieder schicken. Und wieder und wieder. Nichts hilft. Der Datenfunk ist bis auf weiteres blockiert. Löst sich nur wenn per Zufall eine megaschnelle Verbindung möglich ist, oder ich an Land im Internetcafe das Entstörkommando aktivieren kann. Jetzt sagte ich ja, daß wir den Datenfunk für die Wetterberichte brauchen. Und für wichtigen Nachrichtenaustausch mit voraussegelnden oder folgenden Yachten. Und deshalb verrat ich diese Bord-mail-Adresse nicht. Nur einem ganz kleinen, handverlesenen Zirkel. Keine Ausnahmen. Keine. Nein, keine heißt auch keine. Das war das letzte Wort.

Ok, war doch nicht das letzte Wort in diesem Aufsatz. Aber wieso so umständlich die bytes durch das nächtliche Himmelsblau jagen, wenn es doch die besagten kupfrigen und lichtwellendurchlässigen Nachrichtentransportsysteme gibt. Und damit sind wir beim Internet. Überall auf der Kugel mit jedem beliebigen anderen Ort in Sekundenbruchteilen verbunden sein. Nachrichten und Daten, Texte und Bilder in vor wenigen Jahren ungeahnten Größen vom Zirkumnavigator ins heimische Computerzimmer. Keine Schneckenpost, highspeed-flatrate-mails. Jetzt haben wir ihn, den arbeitsscheuen Aussteiger. Ab ins nächste Internetcafe und los, komm zur Sache, wir wollen news, und vor allem, wir haben was für Dich!

„Das Finanzamt droht mit goldener Kette für Dein Boot, wenn nicht ...“

Nur nicht weiter denken. Blauwasserseglers Alptraum. Also noch mal an den Anfang. Ab ins nächste Internet-Cafe. Nur, wo ist es? Mit großem Glück brauchst Du es nicht, sondern Du kannst im Sekretariat deiner gastfreundlichen Marina unentgeltlich das Internet nutzen. Großes Glück gibt es gelegentlich. Aber oft, meist ist es anders. Weit weg. Das Boot liegt an einem Ende der Stadt, Internet am anderen. Und das kann geschlossen sein, weil es ganz erstaunliche Öffnungszeiten hat. Oder es sind alle Computer besetzt, wenn Du vorbeischaust. Oder die Rechner sind noch echte Schnecken, was allerdings nicht so häufig ist. Da hat sich die Welt nivelliert. Oder die Stromversorgung ist gerade am kippeln, das cancelt auch schon mal die Rechner. Auch ist schon mal das cafe-interne Netzwerk bei der Totalgrätsche, nur weil Du deinen Memorystick in den USB-slot gesteckt hast. Oder es gibt kein Internet. Ganz schlimm. Oder es gibt eins, aber wo? Bei McDonalds! Etwas Verzehr, 10 Minuten Zugang, alle drei Minuten von einer Werbetotale unterbrochen. Behalte da mal einen klaren Kopf, wenn Du in den verbleibenden Minuten die wesentlichen mails und Inhalte in deinem Empfangsordner erfassen willst. Klar, daß Du bei McDoof keine Dateien runterladen kannst, was es ja einfacher machen würde. Schnell laden, an Bord lesen. Oder der langgesuchte Internetcomputer befindet sich in einer wahren Spielhölle. Rings um dich herum knallt, ballert, blitzt und heult es. Die Nutzer schreien und rufen durcheinander, du wirst angerempelt ... Wolltest Du eben noch sensible mails versenden? Du lässt es und hoffst auf eine günstigere Gelegenheit. Puh. Bloß raus. Erst mal frische Luft. Tja, so ist das.

Und dann, alles hat geklappt, bist Deine mails los, hast alle Anfragen und Eingänge (dieses Wort, klingt ja nach Behörde, o Graus) beantwortet, und dann kommt Deine mail nicht an. Weg. Im elektronischen Nirwana verloren. Ist ja vielleicht auch eine Art Himmelreich. Aber Du dünkst Dich glücklich und tüchtig und ahnst gar nicht, was sich zusammenbraut, da, an der Heimatfront, die deine verflüchtigte mail dringendst erwartet.

Nun, mein lieber, treu durchhaltender Lesefreund, und Du meine liebe Freundin mit den hübschen braunen Augen und den traumhaft langen Wimpern, (sorry, waren Deine Augen etwa blau?) ja, nun kehren wir noch mal zurück. Ich, wir, alle wir Aussteiger, Vagabunden, Blauwassersegler und Taugenichtse, wir sind ja unterwegs auf dem Meer der Freiheit (s. dazu auch Schlussklappe Piraten der Karibik, Captain Jack Sparrow, fünftletzter und letzter Satz, sehr treffend) und da stecken wir schon mal hinter einer Insel, weit ab von jedem Land, jeder Handykontaktstation, jedem Internetcafe, jeder Telefonzelle, und die Insel hat leider auch ´nen Berg, der im Weg ist, die Sonneflecken toben (oder müssen sie ruhen, ich kapier es einfach nicht) und eine süße kleine Zyklone hält uns hier fest und beschneidet diese unsere Freiheit der Meere. Eh nur ein Mythos. Kein Kontakt zur modernen Welt, zur Heimat, zu Dir. Ja, da geht dann eben nichts. Nicht zu ändern, nichts zu machen. Übe Nachsicht und habe Geduld mit mir, ich melde mich doch, auch wenn es etwas dauert.

Und jetzt will ich noch ganz ehrlich sein. Manchmal ist es keine Zyklone. Die Insel ist die gleiche, die Bedingungen die gleichen, nur der kleiner Unterschied: die Sonne scheint, das Wasser ist sauber und klar, und warm, es gibt einen feinsandigen Strand, in meiner rechten Hand funkelt ein Caipirinha, die linke .... (Eingriff der Zensur). Würdest Du den Anker lichten und an einen belebteren Ort segeln? Zum Telefonieren und Mailen? Jetzt? Gerade jetzt? Nur wegen der Welt, der Du für eine gewisse Zeit den Rücken kehrst? Sei ehrlich zu Dir selbst. Mir brauchst Du nicht antworten, ich kenne die Antwort.

Ich hoffe, lieber Freund zu Hause, Du kannst die Schwierigkeiten der Kommunikation nun etwas besser verstehen. Du bist nicht vergessen. Nie und niemals. Aber nun weißt Du, manchmal will es einfach nicht gehen. Aus hunderten Gründen.

Und Dir, lieber Segelkamerad auf hoffentlich immer blauer und selten grauer See, Dir habe ich hoffentlich aus dem Herzen gesprochen.

So denn

Allzeit fair winds

Martin

SY Just do it

Porto Belo, Santa Catarina, Brasilien

im Gewitter und in Erwartung der nächsten frente frio, die auch eine kleine Sturmzyklone werden könnte. Keine Angst, Boot liegt in sicherem Hafen vor Anker.

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6-12-05 SOM11 Ihr Lieben, dear friends,

auch diesmal war lange nichts von uns zu hören. Sicher eine Folge der langen Wochen, die wir hier und da verbracht haben. Natürlich haben wir viel erlebt und wollen nun ein wenig davon berichten. Viel Freude beim Lesen, und lasst mal von Euch hören. Wir freuen uns über jede Nachricht, denn wir erhalten immer noch nur wenig Post.

Long time ago since we sent our last message. Meanwhile we a had lot of experiences and now we would like to tell about. Enjoy reading our short report. We would like to hear from you too. We are enjoing each message we get from you.

SOM 11:

Brasilien nach Argentinien - von Porto Belo nach Buenos Aires 03.12.05

Mit viel Wehmut verlassen wir all die neuen Freunde in Santos. Ronaldo, Graça, Dieter und Marcello winken, als wir den Liegeplatz verlassen. Wir kommen allerdings nicht weit. Beim Tanken im Yachtclub stürzt Anke so unglücklich, daß wir beschließen, noch einen Tag zu bleiben. Ein Fehler? Das Wetterfenster jedenfalls ist nur von kurzer Dauer und schließt sich schnell. Porto Belo können wir nicht mehr erreichen. Suchen stattdessen Schutz hinter dem Inselchen Bom Abrigo. Das bedeutet „gute Zuflucht“. Sind nicht allein. Mehr als zwanzig Fischer liegen hier bereits, und es werden immer mehr. Haben uns wohl richtig entschieden. Zwei Tage später können wir weiter und erreichen ohne Probleme unser Ziel. Nur ein nächtliches Intermezzo hatten wir: Anke hat die erste Wache, ich liege bereits in de Koje.

„Martin.“ „Martin, du musst kommen. Dieser verdammte Fischer blendet mich dauernd an. Ich weiß nicht was der will und was ich machen soll. Man sieht überhaupt nicht, wo der hin fährt!“

Direkt vor unserm Bug geistert recht nahe ein kleiner Trawler herum. Wir waren bereits vor einer halben Stunde auf einen anderen Kurs gegangen, um ihm aus dem Weg zu gehen. Jetzt ist er schon wieder im Weg. Höre, als ich aus dem Bett springe und in meine Schuhe schlüpfe, daß wir auf portugiesisch angerufen werden. Übernehme das Ruder, Anke soll funken. Verständigung klappt aber nicht. Ich rufe Anke zurück.

„Der Bullenstander muß weg.“

Anke turnt auf das Seitendeck neben dem Salon und löst die Leine, die das unbeabsichtigte Herumschlagen des Großsegels verhindert, die jetzt allerdings auch unsere Manövrierfähigkeit einschränkt.

„Sag mir, wenn er frei ist.“

„Ist frei.“

„Komm zurück, aber halt den Kopf unten, falls ich eine Gefahrenhalse machen muß.“

Der Trawler ist mittlerweile näher gekommen. Gefahrenhalse, oder in Ruhe schiften. Offenbar fährt er jetzt auch einen Bogen. Keine Posis, nur Arbeitsleuchten, die sich drehen. Wo ist bei diesem Mistkahn vorn und hinten? Wenn der Idiot wenigstens nicht mit seinem Scheinwerfer blenden würde. Ich entschließe mich dafür, wie im Autoverkehr nach rechts auszuweichen.

„Wir schiften.“

Sind vielleicht noch fünfzig Meter entfernt. Anke holt die Großschot dicht, ich löse die Klemme und steuere einen engen Bogen. Das Segel kommt rum. Im gleichen Moment erkenne ich:

„Das gibt es doch nicht, der geht nach links!“

Genau dahin, wohin wir ausweichen. Jetzt keine Panik. Schnell überlegen. Wenn wir uns jetzt beide entschließen wieder in die andere Richtung zu schwenken kracht es garantiert. Ich bleibe bei meiner Drehung und fahre eine 180° Kurve, so kann ich vor ihm herlaufen. Und er weicht doch jetzt tatsächlich nach rechts aus. Gute Entscheidung. Gehen dann erst mal im rechten Winkel von ihm weg. Das war aber wirklich knapp. Höre Rufe von seinem Deck und wütendes Geblinke mit einer Lampe. Anke sitzt genauso wütend an der Funke:

„Porque voçe nao tem luzes de navigaçao?!!“

Sieh da, die Posis des Fischers gehen an!

Fast zwei Wochen verbringen wir in Porto Belo. Treffen unsere ersten Pinguine: Magellan-Pinguine (Spheniscus magellanicus). Finden auch hier neue Freunde, Eric und seinen Vater, die in einer kleinen Bucht ein schwimmendes Restaurant betreiben, und Peter, den örtlichen TO-Repräsentanten, der uns hilfreich zur Seite steht und uns auf der Weiterfahrt per Amateurfunk mit Wetterinformationen versorgt. Ankern meistens vor dem hiesigen Yachtclub und können dessen luxuriöse Facilities kostenlos nutzen. Die Wartezeit für das nächste Wetterfenster wird uns nicht lang. Machen Wanderungen in der Umgebung, Spaziergänge im Ort, und klarieren schon einmal aus, denn unsere offizielle Zeit in Brasilien neigt sich dem Ende zu. Aber es läuft anders als erwartet. Auf der nächsten Etappe, die uns nach Rio Grande bringen soll, gibt es zunächst keinen Wind. Motoren und motoren, und die nächste Front kündigt sich an. Haben im Vertrauen auf Wind nicht nachgetankt. Was für ein Mist. Jetzt reicht der Sprit nicht. Müssen nach Laguna zum nachtanken. Da können wir aber in der Nacht nicht rein, die Einfahrt ist zu tückisch. Ringen uns daher durch, zunächst nach Imbituba zu gehen. Dieser kleine Industriehafen ist nachts problemlos anzusteuern. Unsere Wahl wird belohnt. Kaum sind wir drin, erreicht uns auch schon die befürchtete Front, doch wir liegen geschützt und sicher. Auch kommen mehr und mehr Fischer und suchen hier Schutz. 5 lange Tage liegen wir hier. Ein erster Versuch, Laguna zu erreichen scheitert auf halber Strecke, die nächste Front prügelt uns wieder zurück. Und es wird abscheulich kalt. Erstmals seit England wird unser Ofen in Betrieb genommen!

Die Einfahrt nach Laguna wird spektakulär. Die Brandungswellen verlaufen quer zur Einfahrt. Manche steilen sich auf, brechen und rollen dann mit einem Affenzahn voran. Die Gischt weht in einer langen Fahne vom brechenden Kamm. Und da soll es durchgehen? Wir tasten uns mit langsamer Fahrt näher. Noch einmal nach Imbituba ablaufen wollen wir nicht. Großsegel runter. Alles Bewegliche wegstauen. Laptop sichern. Schotten dicht. Dann weiter ran. Anke gibt mir Korrekturen des Kurses nach den vorher festgelegten GPS-Wegepunkten. Aber kurz vor dem Beginn der Brandungszone geht es nur noch nach Augenmaß und Einschätzung der Situation. Vor dem linken Molenkopf liegen Riffelsen, auf den rechten Molenkopf rasen manche der brechenden Wellen zu. Wir beobachten. Die brechenden Wellen steilen sich zu zwei, zweieinhalb Metern auf. Sie sind nicht sehr lang. Immerhin. Vielleicht 100 Meter. Meist kommen drei, vier wüste Brecher, dann folgt wieder eine ruhige Phase. Überlege mir eine Taktik. Die nächsten Brecher abwarten und gleich mit Vollgas starten, bevor die nächste Serie kommt. Auf der rechten Mole parken Autos und man kann auch ein paar Angler sehen. Auch noch Zuschauer. Na ja, wenn´s schief geht werden die ja wohl Alarm schlagen. Wir stehen mit geringer Geschwindigkeit auf Hab Acht. Es kommen aber keine Brecher. Verflixt noch mal, was nun? Sieht aber immer noch friedlich aus, seeseitig. Dann eben anders. Ich drücke den Gashebel fast ganz nach unten, und der Diesel springt auf 3.300 Touren. Die Beschleunigung des Bootes kommt mir quälend langsam vor. Die 10,5 Tonnen machen sich bemerkbar. Oder ist es nur die verzerrte Wahrnehmung? Anke ruft mir die Geschwindigkeit nach GPS über Grund zu:

„5 Knoten!“

Wieso sind wir so verdammt langsam?

„6,3 Knoten!“

Mann, Mann, 250 m sind aber lang.

„7,3 Knoten!“

Das klingt schon besser, noch die halbe Strecke, dann sind wir zwischen den Molenköpfen. An backbord kommt eine Welle und bricht auf den Riffelsen vor der Backbordmole. Zu klein, die kann uns nichts anhaben.

Und dann gleitet JUST DO IT zwischen beiden Molenköpfen hindurch. Gashebel zurück, scharf rechts um die Ecke, bloß nicht übers Ziel hinausschießen.

Laguna ist ein kleines Paradies. Ein nettes, teilweise malerisches Örtchen, an einer großen, flachen Lagune gelegen. Wir sind die einzigen Gäste des winzigen Yachtclubs. Als Highlight gibt es ein tägliches Wasserschauspiel: Delphine und Fischer haben eine gut gehende Arbeitsgemeinschaft gegründet. Es ist gerade Meeräschen-Saison. Zunächst schlagen die Fischer, am Ufer stehend oder in einem Boot wartend, mit den Netzen auf die Wasseroberfläche. Dann nähern sich die Delphine, es handelt sich um Große Tümmler, also Verwandte Flippers, und treiben den Fischern die Beute in die Wurfnetze. Der Fang wird offenbar geteilt. Das ganze dauert stundenlang bis eine Partei keine Lust mehr hat.

Zwei Fronten später brechen wir erneut auf. Die Delphine geleiten uns aus der Lagune heraus und lachen uns zum Abschied noch fröhlich hinterher. Die Ausfahrt wird noch abenteuerlicher als die Einfahrt, aber wir kommen heil durch die brechenden Seen und dann liegt der offene Ozean vor uns. Der Wetterbericht verspricht guten Wind aus der richtigen Richtung. Die Wirklichkeit meint es dann aber fast zu gut. Der Wind frischt auf bis zu 40 Knoten auf, also fast schon ein kleiner Sturm. Aber Onkel Heinrich, den ich noch ein wenig bearbeitet habe, macht seine Sache gut. Ich weniger und gehe wegen persönlicher Dummheit beinahe außenbords. Wie war das noch: die See verzeiht keine Fehler. Oder Leichtsinn kommt vor dem Fall? Viel Zeit, darüber nachzudenken bleibt bei dem Wetter allerdings nicht. Zum Trost begegnen uns die ersten Albatrosse. Schwarzbrauenalbatrosse (Diomedea melanophris). Die Einfahrt von Rio Grande do Sul erreichen wir noch bei Dunkelheit und motoren dann stundenlang bei starkem Gegenstrom zum Museo Oceanographico, an dem man umsonst liegen kann. Wir sind völlig verblüfft, als wir trotz der frühen Morgenstunde mit Hupkonzert und Gejubel empfangen werden. Die Besatzungen von NEW DAWN, MATAHARI und BREAKPOINT hüpfen aus den Betten, und auch Museumsangestellte und der Direktor erwarten uns! Hier hatten sie einen anderen Wetterbericht, der den starken Wind vorhersagte, und mit entsprechender Sorge wurde unsere Fahrt verfolgt. Am Abend gibt es dann ein Asado (Grillfest), mit Lauro, dem Chef des Museums als Grillchef.

Wir nutzen den Aufenthalt zu einem Landausflug. Wollen uns ein paar Canyons im Nationalpark Aparados da Serra anschauen. Kehren in einer malerischen Pousada, der Pedra Afiada, ein. Nur wenige Gäste, zum Schluß sind wir sogar die einzigen. Werden dennoch hervorragend bewirtet und versorgt. Lauter Leckereien, vieles hausgemacht. Verbringen hier ein paar Tage mit Wandern, klettern ein wenig an der Kletterwand der Pension, lernen die hiesigen Reste des atlantischen Regenwaldes kennen und reiten sogar. Nach zwei Stunden bin ich aber froh, daß ich wieder runter kann. Der Sattel ist mir zu klein und ich stoße ständig mit meinem Steiß gegen den hinteren Sattelkranz. Die Landschaft ist hier völlig verschieden von der Küstenlandschaft. Ein waldreiches Bergland, an dessen Übergang zur Küstenebene sich zahlreiche langgestreckte Kerbtäler ausgebildet haben, die Canyons. Auf der Rückfahrt haben wir an einem bestimmten Abschnitt der Nationalstraße zum ersten mal eine Begegnung mit Indigenas. So werden die Abkömmlinge der Indianer hier genannt. Sie leben in einfachen Korb- und Flechthütten, etwas abgesetzt am Straßenrand. Die Lagerplätze sind offenbar bewusst in der Nähe der Lagune gewählt. Offenbar leben sie unter anderem vom Fischfang. An der Straße bieten sie Korbwaren und Schnitzereien an. Wir erstehen hier ein Tatoo, ein geschnitztes Gürteltier, daß (in der Funkrunde) recht schnell recht lebendig wird.

Wieder zurück in Rio Grande hetzt uns Lauro zu den Einklarierungsbehörden. Wollten wir eigentlich vermeiden, da wir ja die Zeit überzogen haben. Na ja, er hat wohl Probleme bekommen, da er einen großen Presserummel um eine Pinguin-Aussetz-Aktion gestartet hat. Dumm war nur, daß die beiden Boote, die die Pinguine aussetzen sollten, sich bei den Behörden nicht ordnungsgemäß gemeldet hatten. Uns bringt das jetzt geschlagene drei Tage Lauferei, um ein- und gleich wieder auszuklarieren. Über diese Episode könnte man ein eigens Buch schreiben. Aber diesmal ist es endgültig die letzte Behördentour in Brasilien. Mit viel Wehmut auf der einen Seite, aber auch dem Gefühl, jetzt kann man auch mal wieder etwas anderes sehen, machen wir uns auf den Weg. Noch inmitten der Hafenanlagen begrüßt uns ein Südamerikanischer Seebär (Arctocephalus australis), was wir als gutes Omen nehmen. Die Fahrt verläuft ruhig und angenehm. Nur Anke hat in der Nacht mal wieder eine nahe Begegnung der unheimlichen Art. Aus dem Dunst tauchen achtern zwei weiße und ein grünes Positionslicht auf, nach einiger Zeit aber zusätzlich das rote. Kollisionskurs! Anke ruft den Frachter an, der sich nach einiger Zeit auch meldet. Was denn sei?

„This is sailing Yacht JUST DO IT. I am the small radar-echo just in front of your bow. Please change course.”

„Don´t worry, I change course. To which side?”

„It doesn´t matter, but please pass by in a comfortable distance.”

„Ok, I will pass at your starbord side.”

Der Frachter dreht allerdings kaum merklich ab und passiert in lediglich einer knappen Viertelmeile Abstand. Anke ist darüber doch ein wenig verärgert und ruft den Frachter noch mal an, versucht zu erklären, dass ein etwas größerer Abstand vielleicht doch besser wäre.

„Please, Sir, why did you pass so near. This was not a comfortable distance.”

„I do not understand, this was a safe distance.”

„For a small sailing yacht, this distance is not comfortable. We are so small compared to your vessel and with the actual wind we move very slow. We can not make quick emergency manouvers.”

Später überlegen wir, daß man einem Frachteroffizier wahrscheinlich erklären muß, daß die Segel einer Yacht auf hoher See aus Sicherheitsgründen stets durch Bullenstander usw. fixiert sind, so daß ein schneller, deutlicher Kurswechsel oft nicht möglich ist. Nehmen an, daß die Offiziere denken, eine Yacht ist klein, schnell und wendig.

Am nächsten Abend erreichen wir Punta del Este in Uruguay pünktlich zum Sonnenuntergang. Beschließen, hier zu ankern und uns auszuruhen und morgen früh weiter zu fahren. Der Anker fällt, leider nur ein bisschen. Die Ankerwinsch blockiert. Zerren die Kette per Hand raus. Wieder Arbeit für Buenos Aires. Immerhin zieht die Winsch die Kette noch hoch. Eine Nacht noch auf dem Rio de la Plata, dann sind wir am nächsten Etappenziel. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden wechseln wir die Gastlandsflagge. So viel Farbwechsel auf einmal. Das ist man gar nicht mehr gewohnt. B.A. empfängt uns mit herrlichem Sonnenschein. Vor dem Hafen kreuzen zahlreiche Segel, offenbar ist Regattatag. Deshalb bekommen wir auch keinen Platz im altehrwürdigen Yacht Club Argentino (von 1883), sondern müssen in den Puerto Madero ausweichen. Auch nicht schlecht. Kostet zwar recht viel Liegegeld, aber ein wenig Nachlaß handeln wir heraus. Dafür liegen wir aber mitten in der Stadt und können das Zentrum in wenigen Minuten zu Fuß erreichen. Und rund um das Hafenbecken gibt es Bars und Restaurants in Hülle und Fülle.

Jetzt wollen wir mal einen Strich machen. Von B.A. berichten wir mit der nächsten SOM, und die kommt hoffentlich schneller.



Euch allen Daheimgebliebenen und Woandersreisenden gute Zeiten und fair winds

Martin + Anke

SY JUST DO IT, z. Zt. Buenos Aires, Argentinien

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Neujahrs-SOM 12:

Buenos Aires mit Abstechern 31.12.2005

Wie Rio und Salvador ist Buenos Aires eine Stadt, die man nicht in einer knappen SOM beschreiben kann. Auch hier weiß man gar nicht wo man anfangen soll. Bereits rings um unseren anfänglichen Liegeplatz, dem Puerto Madero, tobt das Leben. Restaurants und Kneipen in Hülle und Fülle. Und das setzt sich in das unmittelbar benachbarte Stadtzentrum fort. Zwar schließen all die Geschäfte und verrammeln ihre Fenster und Türen, aber die Stadt stirbt keinen abendlichen Tod. Die Müllsortierer erwachen zum Leben, zerreißen all die ordentlich abgestellten schwarzen Müllsäcke, zerstreuen den Inhalt auf der Straße und sortieren das ihnen Wertvolle aus. Niemand erregt sich darüber und trotz all der Verwüstung sind die Straßen am nächsten Morgen wieder sauber.

Überall sind Restaurants, Cafes (Confeterias) und Kneipen eingestreut, die unbeirrt weiter nächtlich sprühendes Leben beherbergen. Von der Parilla, die von Bife de Lomo (Filet) über Bife de Chorizo (stärker durchwachsenes Grillfleisch), Asado (Rippenstreifen, einmal quer durch die Rinderbrust), Innereien und Chorizo (Grillwurst), Morcillo (Blutwürste) alles bietet, was grillbar ist über chinesische, indische, italienische Restaurants bis hin zur Tapa- und Sushi-Bar ist alles zu finden. Und natürlich kann man das Abendmahl auch im Rahmen einer Show-Veranstaltung, zum Beispiel dem ungekrönten Tangokönig Carlos Gardel gewidmet, zu sich nehmen oder im faszinierendem Club del Vino. Und dergleichen mehr. Natürlich kann man sich auch gleich der Musik-Kultur hingeben und ein Konzert besuchen. Tango? Omar Mollo (sprich: Omar Moscho) ist ein Erlebnis wert. Vermutlich Mitte fünfzig, nicht gerade zurückhaltendes Bäuchlein, langes schwarzes Lockenhaar, singt er die alten (?) Tango-Schlager mit Inbrunst und steht am Ende eines jeden Titels kurz vor dem Tod aus Liebesschmerz, wenn nicht gar vor dem mutwilligen Suizid. Und im Publikum, jung und alt bunt gemischt, fließt so manche Träne, im Andenken an alte Leidenschaften. Ein Erlebnis. Wagte ein 12 Jahre altes Geo-Heft noch die Behauptung, „Tango den Eltern, der Jugend die Disko ...“, nun, im heutigen Buenos Aires lebt der Tango, in allen Generationen. Sind die vielseitigen Shows - Zully Goldfarb bereichert den Tango um etwas weniger todesnahe Töne und auch um jiddischsprachige Facetten - so gegen Mitternacht, da lebt der Tango erst richtig auf: Der hartgesottene Porteño, so nennen sich die Einwohner der Stadt, strebt jetzt einer der zahlreichen Milongas zu. Die Örtlichkeit befindet sich meist im ersten Stock über einem zu dieser Nachtzeit längst geschlossenem Cafe, und hier blüht der Tango von Mitternacht bis in den frühen Morgen. Häufig in beeindruckendem Ambiente wie einem altem Jugendstilsaal. Jeder kann mittanzen, und zwischendurch gibt es mehrmals Schautanz. Junge Paare zeigen, was Tango alles bedeuten kann. Hohe Schule. Aber auch der normale Porteño tanzt mit Leidenschaft. Man erkennt, wenn es zwischen den Paaren harmoniert, oder wenn nicht. Im letzteren Fall sind die Augen beider meist offen, die Frau blickt häufig um sich. Stimmt es dagegen, schließt sie die Augen und tanzt die ganze Zeit nur nach den Führungsimpulsen des Partners. Häufig lehnen die Partner die Köpfe aneinander, eine dritte Führungshand. Und auch bei Beginn eines Musikstückes merkt man, sieht man, wie sich in den Körpern eine Spannung aufbaut, die Körper sich heben, und die Spannung sich dann in dem ersten Schritt löst, der die Tänzer in eine andere Welt entführt, die nur für diese beiden existiert.

Überhaupt Kultur. In dieser Stadt finden sich Kunst und Kultur allerorten. Etwa 230 Theater gibt es hier. Und sie alle arbeiten und leben! Und überall finden sich Ausstellungen der bildenden Künste, von den Museen ganz zu schweigen. So stolpert man im berühmten, farbensprühendem La Boca über einen Ausstellungsort, der die lokale Kunstszene mit der Welt verbinden will. Wer wird gerade gezeigt? Margarete Trockel. Genauso deutsch wie die Rote Grütze von Kühne. Und in einem Gewächshaus des botanischen Gartens finden sich ganz unvermutet zahlreiche hölzerne Arbeiten, im Torre de Ingleses in jedem der vier Zwischengeschosse eine eigene Ausstellung. Und, und, und. Und der Porteño liest gern. Selten haben wir auf unserer Reise derart viele Buchhandlungen gesehen. Und bei allem besitzt die Stadt Gemütlichkeit. Trotz des lebhaften und recht unorthodoxen Verkehrs zeichnet sich das hiesige Leben durch eine erstaunliche Gelassenheit aus. Es wird selten gehupt, und selten regt sich jemand auf. Lieber kehrt man in eins der zahlreichen Cafes ein und genießt den Augenblick.

Monate könnte man in der Stadt verbringen, Aufführungen im berühmten Theatro Colon verfolgen - ein Ballet haben wir mit Shilas Hilfe besucht und auch ein wenig hinter die Kulissen schauen können - dem Fußball frönen, schließlich ist Maradona hier bei den „Boca Juniors“ groß geworden, dem argentinischem Rugby-Nationalteam zujubeln, das in einem Spiel gegen die südafrikanischen Favoriten nach hartem Kampf nur knapp verlor, oder die glamouröse Aura des Polos aufsaugen. Dieser Sport der wirklich Begüterten ist in Argentinien zu Hause wie sonst selten wo. Immerhin 50 gut ausgebildete Pferde muß eine vierköpfige Mannschaft unterhalten. Und auch heute noch kommt es regelmäßig zu tödlichen Unfällen. Angeblich einer pro Jahr allein in Argentinien berichten die Chronisten!

Schweifen wir weg vom Zentrum mit seinen zahlreichen Trödelmärkten, Antiquitätenhändlern, kleinen Nebenzentren und Kuriositäten wie dem Recoleta-Friedhof. Buenos Aires entwickelt sich fließend weiter in die Umgebung. Ein Teppich von Suburbs und von der Capital Federal aufgesaugten Vororten. In einen dieser Vororte hat es uns denn auch verschlagen. 4 Wochen konnten wir kostenlos in einem der Yachtclubs liegen und uns auf die beabsichtigte Reise in die südlichen Breiten vorbereiten. Alle Bodenbretter, Klappen, Schapps und sonstige Öffnungen wurden gesichert. Sie sollen auch bei einer Eskimorolle dicht bleiben. Ein zusätzliches Sturmsegel geordert, von nur bescheidenen 5 m², da uns unser bisheriges mit 14 m² arg zu groß erschien. Der seit Lissabon ausgefallene elektrische Autopilot gegen einen neuen ausgetauscht, drei Trommeln mit je 100 m Leine bestückt, um das Boot in den kleinen Buchten des Südens gut und sicher vertäuen zu können, und, und, und. Ankes Schwester Beate und ihr Freund Michael brachten auf ihrem Besuch meine langersehnte Kameraausrüstung (vielen Dank ihr beiden!, und besonders vielen Dank Foto-Haas in Hannover, der alles aus der Hand gab, ohne bis dahin auch nur einen Pfennig, o.k. Cent, Geld gesehen zu haben) und zusätzliches Material mit, das installiert werden musste. Besonders sehnlich erwartet wurde der neue Computer. Ein besonders kompaktes Modell, nicht größer als ein Autoradio. Größer und nur mit Mühen unterzubringen war dann der unvorsichtigerweise gewünschte 17-Zoll-Bildschirm, und noch größer das Problem, als nichts funktionierte. Aber mit Hilfe von Jochen und Anne von der LEOA - vielen Dank euch beiden! – ließen sich alle Treiber- und Installationsprobleme lösen, und nun arbeitet das teure Stück wunderbar.

Mit Beate und Michael hatten wir einen Besuch der Wasserfälle Iguazu geplant, von väterlicher Seite noch ein wenig Unterstützung erhalten – vielen Dank Klaus - und so bestiegen wir kurz nach ihrer Ankunft einen Flieger und stürzten uns in die Wasserwelt des je nach angelegtem Maßstab größten Wasserfalls unseres Planeten. Knappe zweieinhalb Tage verbrachten wir in den beiden Nationalparks, und zumindest Anke und ich hätten auch noch mehr Zeit dort verbringen können. Daß unsere beiden Begleiter touristisch etwas schwächelten mag mit besonderem Turtelbedürfnis zusammenhängen. Diese Katarakte lassen sich wirklich kaum beschreiben. Von der argentinischen Seite sind sie überhaupt nicht in ihrer Gänze überschaubar, aber es gibt vielfältige Möglichkeiten, sie in Teilen zu erleben. Und trotz des gewaltigen Touristenandrangs ist durch eine kluge Organisation und Lenkung noch immer das Naturerlebnis bestimmend. Neben den Wasserfällen gibt es noch viel mehr Natur zu entdecken. Vor allem vielfältigste Schmetterlinge, darunter die gewaltigen Blauen Morphos, Tukane und die possierlichen Nasenbären, hier Coati genannt. Die SOM bietet nicht genug Möglichkeiten, dies alles zu zeigen, drum sei jetzt auf unsere Homepage www.justdoit.de.ki verwiesen, die mein alter Freund Lutz für uns betreut. Vielen Dank, Lutz!

Von Iguazu ging es weiter zur Yacutinga-Lodge. Wir wollten noch zwei Tage Urwald-Feeling haben. In dieser Lodge lebt man umweltfreundlich und ökologisch sanft, Strom gibt es nur stundenweise und Verbindung zur Außenwelt nur über Funk. Nicht mal ein Telefon! Dafür erlebt man in keineswegs unkomfortablen Unterkünften – nächtliches Urwaldgeräuschszenario inbegriffen – einen kleinen Ausschnitt einer anderen Wirklichkeit. Von fachkundigen Biologen geführt dringen wir ein wenig in die Geheimnisse des Dschungels im Kleinen wie im Großen ein. Höhepunkt ist die Beobachtung von Wasserschweinen und ein wirklich netter Kontakt zu Guaraní-Kindern, die für uns ein kleines Konzert gestalten. Nur Jaguare und Kaimane ließen sich nicht blicken. Na, vielleicht wird es noch.

Kurze Zeit später kam unser zweiter Besuch, Kirsten, Ankes Freundin aus den USA, die uns bereits in Portugal besucht hatte. Sie wollte etwas Abstand von heimischen Nöten gewinnen, was dank der heutigen technischen Möglichkeiten, WLan, Notebook, Internet usw. leider nicht so ganz funktionierte. Ihr Besuch war Anlass, doch noch mal nach Uruguay zu reisen: per Fähre in das Städtchen Colonia del Sacramento. Und wir waren vom ruhigen Charme dieser netten kleinen alten Stadt so begeistert, daß wir nur wenige Tage später mit unserer JUST DO IT dorthin segelten. Aber siehe unten.

Was geschah noch? In Buenos Aires trafen sich zahlreiche Segler auf dem weg nach Süden, und die meisten fanden sich dann im Yacht Club Barlovento zusammen. Darunter die SIDHARTHA, die LIZARD, die LEOA, die BREAKPOINT. Sie alle bereiteten sich wie auch wir auf die Reise gegen Süden vor. Nur NEW DAWN aus Südafrika und VENT BLANC aus Argentinien ließen sich wegen anderer Zielsetzungen von der allgemeinen Aktivität nicht anstecken. Und nach und nach machten sich die meisten auf die Reise. Wir warteten noch auf Kirsten. Nachdem sie wieder auf dem Weg in die Vereinigten Staaten war, siedelten wir in den traditionsreichsten, ältesten Yacht-Club Argentiniens um, den Yacht Club Argentino eben. Hier warteten wir auf eine günstige Wetterprognose und starteten. Blöde war nur, daß das Wetter sich nicht an die Prognose hielt. Der Wind kam von vorn. Gut kreuzen. Aber der Wind nimmt uns auf den Arm. Dreht, kaum das wir auf den anderen Bug gegangen sind, und wir segeln praktisch zurück woher wir gekommen sind. Ich habe auch kein gutes Gefühl während Anke sich durchbeißen will, aber schließlich kehren wir um. Wenige Tage später wieder eine vielversprechende Wetterprognose. Verlegen in das gemütliche Colonia, um von dort zu starten. In Colonia überfällt uns im Mooringfeld schlechtes Wetter, und wir wollen sicherheitshalber den Anker klar machen. Böse Überraschung: die Ankerwinsch blockiert. Wenig später entdecken wir Wasser in der Motorbilge! Die Seewasserpumpe leckt offenbar. Und dann splittert auch noch einer von Ankes Schneidezähnen ab. Wir beschließen, nach Buenos Aires zurückzukehren, da wir dort alles am besten regeln können. Gustavo, der freundliche Geist der Segler reserviert uns einen Liegeplatz in Barlovento, und wir machen uns an die neuen Aufgaben. Nach eineinhalb Woche ist alles getan. Wasserpumpe repariert und eine zweite für den schnellen Austausch erworben. Eine neue Ankerwinsch installiert und die alte repariert und als Reserve in der Bilge. Ankes Zahn ist auch kuriert. Nebenbei ist auch noch Weihnachten, und ganz überraschend steht der Weihnachtsmann an unserm Heck: Thomas, Gustavos Sohn, überbringt ein Geschenk! Lieber Gustavo, lieber Thomas, liebe Carolina, vielen herzlichen Dank für all Eure Hilfe.

Ja, und dann gibt es noch Erwin. Den Commander der VENT BLANC. Und der Erwin (71, bricht demnächst in die Karibik und nach Polynesien auf) schwärmt uns eines Abends von Rio Paraná, Rio Paraguay und dem Pantanal vor. Und je mehr wir uns umhören, desto mehr Schwärmer finden wir. Und das Wetter dieses Jahr ist eh verrückt. Ganz ungewöhnlich. Von der ganzen Flotte, die gegen Süden gestartet ist, ist bislang noch kein Boot in Ushuaia angekommen. Alle hängen irgendwo fest. Und so entschließen wir uns, die umschwärmte Flusstour zu machen. Für Kap Horn ist immer noch Zeit.

Also liebe Leser, gebt gut acht, das nächste halbe Jahr wird ganz woanders verbracht.

Ein Nachtrag muß noch sein. So mancher sorgt sich ja um unser Wohlbefinden, und speziell mein Vater, der andere Klaus, hat da offensichtlich stets große Sorgen. Daher hier eine kurze Schilderung unserer heutigen Einkaufstour:

Wir machen uns auf in den „Jumbo“. Nomen est omen. Ist wirklich nicht klein. Auch ist nicht alles günstig, aber der Jumbo bietet eine Auswahl, wie man sie nicht immer findet. Bei den frischen Gemüsen und Obst fehlt zwar die tropische Vielfalt Brasiliens, das Angebot wirkt schon eher europäisch, aber sonst gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Und dann haut es uns vom Hocker: Semmelnknödeln. Von Pfanni und von Kartoffelland. Ist es denn zu glauben? Mein Vater hat ja immer Sorge, daß wir nicht genug und vernünftig zu essen haben. Das kann nicht der Fall sein, was ja bereits Martins (und Ankes; ähem...) seit der Atlantiküberquerung wiedererstarktes Bäuchlein beweist. Und Argentinien hat ja eh den Ruf des Fleischlandes per se, was ihm heute nicht ganz mehr gerecht wird. Aber was finden wir hier noch? Uns gehen die Augen über! Daher eine auszugsweise Aufzählung: Milka und Ritter-Sport in Sorten, Kinderschokolade einschließlich Überraschungsei, Haribo-Gummibärchen, um die Essentials zu nennen, und dann: Rote Grütze in drei Sorten, von Kühne und von Schwartau, man laste mir keine Schleichwerbung an, Marmelade der Gamle Fabriken, Marmeladen von Schwartau, Jacobs Krönung und Dallmeyer Prodomo, Orangeat, Milchreis, verschiedenste Tees von Teekanne und natürlich auch echten Ostriesentee, Glückswürfelzucker und Kandis von Nordzucker, Heringsfilets in Tomatensoße, schwarzer Wildreis von Oryza aus Deutschland, der ja niemals in Deutschland gewachsen sein kann, welch ein Paradox, Brezel und Jägermeister, Müsli und Fertigbratkartoffeln, Kühne Zigeuner- und Cocktailsoße, Kühne Kräuteressig und Rote Beete-Kugeln im Schlemmertöpfchen. Alles aus deutschen Landen und eben so deutsch beschriftet.

Wir umgehen die deutschen Dinge denn doch ein wenig, von der Schokolade einmal abgesehen und stürzen auf all die anderen guten Dinge. Teriyaki-, Oyster- und Chillibeansauce, diverse Marmeladen, ausgefallene Konserven, Würste und Käse und verschiedene Weine und Sekte wandern in den Einkaufskorb. Frische Zwiebeln, Knoblauch, frischer Basilikum und noch viel mehr. Also, niemand möge glauben, wir darben.

So, das wär’s erst mal, wir werden jetzt unsere Silvesterparty mit Ruth, Kyall, Anne und Cara von der NEW DAWN vorbereiten!

Euch allen Daheimgebliebenen und Woandersreisenden gute Zeiten, einen guten Rutsch und auch im neuen Jahr immer fair winds

Martin + Anke

SY JUST DO IT, z. Zt. Buenos Aires, Argentinien

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SOM 13:

Von Buenos Aires nach Paraná, Rio Paraná 25.03.2006

Sylvester gab es eine fröhliche kleine Party am Ufer des Rio Luján: Ruth, Kyall, Anne und Cara, Henk und Cornelia und wir beide. Mit abendlichem Picknick, Wunderkerzen, Spielen und natürlich auch dem nötigen Sekt. Auf dem Rio entwickelte sich ein nächtlicher Bootskorso: viele Boatpeople wollten das Feuerwerk von Baires vom Fluß aus betrachten.

Wie schwer uns einige Tage der Abschied fiel, könnt ihr Euch vorstellen. Cara mußte nach Südafrika zurückkehren, wir wollen so weit es geht den Rio Paraná und den Rio Paraguay stromaufwärts fahren und Ruth, Kyall und Anne schlüpfen in Boo´s shoes, um das Innere Südamerikas zu erkunden. Wer ist wohl Boo?

Unsere erste Etappe ist nicht weit, etwa 500 m. Vor dem Club gehen wir vor Anker und verbringen dort einen Ruhetag. Tags drauf befinden wir uns dann auf einer Reise in „unentdecktes Land“. Durch schmale Kanäle winden wir uns in Richtung eines der Hauptarme des Paraná. An den Ufern zahlreiche Häuschen und Hütten, die meisten auf Stelzen. Moderne Pfahlbauten. Mit der Zeit werden sie immer kleiner und malerischer. Überall Angler. Dazwischen Vaporettos, die den öffentlichen Verkehr bedienen und schwimmende Läden. Trotz der vielen Eindrücke klebt ein Auge am Echolot, denn es gibt keine zuverlässigen Tiefenangaben für die Kanäle. Bleiben dann auch nur einmal hängen und kommen schnell wieder frei. Schließlich empfängt uns der Rio Paraná de las Palmas, einer seiner Arme im gewaltigen Delta. Wir kommen uns ganz verloren vor in der plötzlichen Weite. Seine Strömung läßt uns nicht viel Zeit zum philosophieren und genießen. Setzt uns gleich auf eine Sandbank. Haben aber Glück und können uns gerade noch befreien. Folgen dem breiten Strom und gehen bei Städtchen Zarate, wenige Meter vor einem Badestrand vor Anker. Die Einfahrten zu den Clubs waren zu flach. Blieben schlicht stecken.

Entdecken am nächsten Morgen, daß die Wasserpumpe nur noch an zwei Schrauben hängt, die sich auch schon lösen. Da hat doch der Chico in San Fernando zwei Gewinde überdreht! Glücklicherweise hat das Gehäuse genügend Masse, daß Martin zwei neue, größere Gewinde schneiden kann. Während wir noch werkeln, tauchen Henk und Cornelia mit ihrer MATAHARI auf. Henk ist gar nicht davon abzubringen, uns zu helfen. Zu allem Überfluß teilt er der Prefectura mit, im Fluß läge ein havariertes Boot, das Hilfe benötige. Bekommen prompt Besuch von zwei Prefectura-Booten und die Einladung, im Hafen des Prefectura-Ausbildungszentrums Zarate festmachen und liegen zu dürfen. Blöde nur, daß uns der übliche Papierkrieg mit Einklarieren und Ausklarieren bei der Prefectura nun wirklich nicht erspart bleibt. Hätten wir uns gerne erspart. Die Geschichte ist letztlich aber recht lustig, da man die nötigen Formulare nicht findet und hofft, daß wir passende Blankos haben! Andererseits werden wir freundlich aufgenommen, und welche deutsche Dienststelle serviert seinen Besuchern schon kalte Erfrischungsgetränke?

Kurz danach befinden wir uns wieder auf dem Fluß. Das Thermometer klettert auf beinahe 40°C und auch das Flußwasser, in dem wir uns allabendlich baden, bringt keine Abkühlung. Nur der kühle Weißwein von der Bodega Fin de Tierra aus Patagonien läßt abkühlende Gedanken aufkommen. Ankern in beinahe vollkommener Idylle. Ringsum gehölzgesäumte Ufer, Reiher, Martín Pescadores, ein großer Verwandter unseres Eisvogels, und viele Caracaras. Am nächsten Tag kürzen wir ab. Die Prefectura hatte uns empfohlen dem Rio Baradero, einem Verbindungskanal, zu folgen. So verbringen wir mal wieder einen Tag zwischen engeren Ufern. Immer wieder Fischerhütten und Anglercamps. Manche sind aus abgewickelten Ölfässer gebaut. Sie sind entsprechend farbenfroh und die Werbung ist gleich inbegriffen. Wüssten gerne, was man hier so fängt. Am Abend erreichen wir San Pedro. Hier gibt es, ganz unerwartet, einen Yachtclub. Einer vom feinsten. Wir dürfen kostenlos liegen, einschließlich Strom und Wasser versteht sich, und die Annehmlichkeiten des Clubs genießen. Haben uns noch gar nicht richtig sortiert, da werden wir angesprochen. Madame Pili, steht auf dem Ponton. Stellt sich vor, bietet ihre Hilfe an lädt uns zum Mate und später zum Asado ein. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Mit ihr teilen wir die nächsten Tage. Und sie ist es auch, die uns in den Rosario Rowing Club „verführt“. San Pedro ist ein hübsches, lebendiges Städtchen, in dem wir die wetterbedingten Tage der Untätigkeit gerne verbringen.

In zweitägiger Fahrt erreichen wir Rosario. Wieder ein krasser Wechsel. Das idyllische San Pedro, die nahezu paradiesische Ruhe bei der Insel Infiel (nur der niedliche kleine Pampero, der uns frühmorgens fast aufs Ufer gesetzt hätte, störte ein wenig) nun die lebhafte Großstadt Rosario. Trauen uns zunächst nicht in den Rowing Club. Erscheint uns so klein. Gehen lieber in den Yacht Club. Erst nach ein Paar Tagen wechseln wir und stellen fest, der Rowing Club ist doch die bessere Wahl. Nun ja. Erst einmal stürzen wir uns in das nächtliche Leben und ins „Puerto del Aire“. Bekommen ein ganz besonderes Programm geboten. Irgendwann im Lauf des Abends, so gegen elf, beginnt ein junger Mann live zu singen. Anfangs kaum beachtet, gibt es dann aber doch mehr und mehr Applaus. Er wird abgelöst von einem etwas korpulenteren, mittelaltem Mann, den wir schlicht für den Chef des Lokals halten. Frei nach dem Motto „hier singt der Chef selbst.“ Aber auch er ist nur ein Intermezzo, denn dann tritt die Göttliche „La diosa Rosarina“ auf. Sie oder er kommt gleich mit Schwung zur Sache, und nach wenigen Augenblicken sitzt sie bereits mit dem Schenkel auf Martins Schulter. Zu schnell für Anke mit der Kamera, und für Martin zu überraschend, um ein wenig mehr mitzuspielen, da sie sich von hinten rangearbeitet hatte. Dabei redet sie/er mit einem Tempo, der es uns jedenfalls unmöglich macht zu verstehen, worum es geht. Schade. Denn das Publikum hat viel Spaß. Unser Tischnachbar kriegt sich jedenfalls kaum ein vor Begeisterung.

Besessen von Martins Vorstellung, uns in Mendoza mit Wein eindecken zu müssen, verzichten wir auf eine Busfahrt und mieten ein Auto. Zwangsläufig wird unser Weg nicht so geradlinig wie geplant. Aber um so erlebnisreicher. Nach einer Tagesfahrt – wir müssen uns erst einmal an die hiesigen Dimensionen und Entfernungen gewöhnen - durch nahezu brettebene, intensiv bewirtschaftete Pampa (Soja, Soja, Soja...) biegen wir ab zu einem kleinen Mittelgebirge, der Pampinen Sierra. Die Schilderung im Reiseführer klang halt so verlockend. Unsere Entdeckungen sind dann aber ganz anderer Art. Orte, die gar nicht mehr vorhanden sind, oder haben wir was übersehen? Pisten, endlose Stacheldraht-zäune, Halbwüsten, und dann, ganz unvermutet, stoßen wir auf die Winzlige unter den Fliegern: Kolibris, und kurz darauf und ebenso überraschend, die Giganten: Kondore und Purple Vultures. Sind begeistert und bereuen nichts. Am nächsten Tag treffen wir dann auch noch auf eine Lamaherde. Und erstmals nach langer, langer Zeit wird Martins geliebtes altes Zelt mal wieder aufgebaut. Das Martin den Brenner vom Spirituskocher nicht aufschrauben kann ist nur ein kleiner Schönheitsfehler. Haben einen Campnachbarn, der uns umgehend mit – was wohl? Genau, richtig: mit frisch Gegrilltem versorgt. Was wollen wir mehr?


Dann geht’s nach Mendoza. Haben Glück mit dem Wetter, und schon aus sehr großer Entfernung wird deutlich, welch gewaltige Wand die Kordilleren zum Pazifik hin darstellen. Zunächst orientieren wir uns aber ein wenig in der Stadt und über die Möglichkeiten, die sich bieten. Die Idee, über die Anden zu reiten läßt sich leider nicht verwirklichen, es ist noch zu früh, die Pässe sind noch verschneit. Aber uns wird klar, daß wir nur einen Katzensprung vom Aconcagua, dem höchsten Berg des amerikanischen Doppelkontinents entfernt sind. So buchen wir einfach einen fünftägigen Muli-Ritt an dessen Flanken und wollen gleich anschließend noch ein paar Tage in den Höhen wandern. Eine völlig unsinnige Regel des Nationalparks verlangt, daß wir mit Führer und Maultiertreiber unterwegs sind. Ein Treiber darf aber nur drei Tiere betreuen. Da wir aber 2 people und 1 Führer, also schon mal 3 Tiere und 1 Packtier sind, der Gaucho-Treiber aber auch ein Reittier braucht, benötigen wir noch einen Treiber und logisch, noch ein Packtier! 7 Tiere und 3 Leute für uns 2 - der bürokratische Wahnsinn. Wir wollen es aber trotzdem wagen. Eine Anfahrt durch atemberaubende Landschaft. Geröllebenen mit spärlicher Vegetation, Berge mit gewaltigen Schutthalden, dazwischen der wild zu Tal sprudelnde, erdbraune Rio Mendoza. Dann erste schneebedeckte Gipfel. Und immer gewaltige Höhen. Befinden uns irgendwann auf knapp 3.000 m Höhe, aber die Berge türmen sich noch weitere 3.000 m auf! Werden schon ganz erwartungshungrig. Doch dann kommt die Überraschung. Unsere Mulis wollen uns nicht richtig gefallen. Haben zwar nicht erwartet, daß die Tiere hier mit Samthandschuhen angefaßt werden, aber daß vier der sieben Tiere eigentlich eine Auszeit bräuchten will uns nicht einleuchten. Offene Wunden an Rücken, Bauch und den Seiten. Da ist es reichlich albern, daß der anwesende Tierarzt zwar das Gewicht unseres Gepäcks akribisch notiert, den Zustand der Tiere aber völlig ignoriert. Wir überlegen ein wenig, aber wir wollen uns treu bleiben und lehnen die Tiere ab. Überraschenderweise finden wir Zustimmung bei unserem Führer. Die Gaucho-Treiber sind neutral. Man will versuchen uns für morgen neue Tiere zu beschaffen, wir können erst einmal eine Nacht auf Kosten des Veranstalters in Punta del Incas verbringen. Dies kleine Nest unweit der Grenze zu Chile wirkt noch richtig wie Grenzland, ein paar Häuser, etwas Militär, Telegrafenleitungen und ein Schienenstrang. Wind und Staub. „Spiel mir das Lied vom Tod“ hätte man auch hier drehen können.

Noch am gleichen Abend erfahren wir, daß wir keine geeigneten Tiere mehr bekommen werden. Der Veranstalter bietet uns an, die ganze Reise abzubrechen oder noch eine Dreitageswanderung zum Aconcagua zu machen. Zu seiner Ehre sei erwähnt, daß er das Geld für den Ritt und die nicht gerade billigen Eintrittsgebühren für den Nationalpark vollständig erstattet. Dazu bekommen wir die Hotelübernachtung und die Transfers umsonst. Wir wollen auf jeden Fall noch wandern, und so befinden wir uns einen Tag später auf dem Aufstieg. Der Weg ist einfach zu gehen, nur die ungewohnte Höhe macht uns kurzatmig. Die Flanken der Berge sind ungewohnt farbenfroh. Beige, Sand und Ocker wechseln mit erdbraunen Tönen, hier und da auch rötliche Nuancen und warme Grauschattierungen. Gewaltige Schutthalden, lockeres Sedimentgestein. Auf den Pfaden ist das Gestein zermahlen und zertreten. Jeder Schritt wirbelt eine kleine Staubfahne auf. Die Mulikarawanen, die uns begegnen, ziehen in einer richtigen Staubwolke dahin. Keines der Tiere ist in einem so schlechten Zustand wie die unseren gestern. Sind doch froh über unseren Entschluß. Etwa 700 Höhenmeter später erreichen wir das kleine Plateau, auf dem das Lager Confluencia eingerichtet wurde. Es gibt Lager-, Koch- und Aufenthaltszelte der einzelnen Veranstalter und - wie angenehm -Toiletten. Die Parkranger unterhalten sogar eine kleine Medizinstation, in der die Wanderer und Bergsteiger obligatorisch gecheckt werden.

Unser „Team“ begrüßt uns mit frischer Melone und einem großen Krug Fruchtsaft, den wir auch gut gebrauchen können. Viel Trinken ist in dieser Höhe wichtig. Leider erweisen sich unsere Zelte als völlig ungeeignet für die hiesigen Verhältnisse und wir ärgern uns, daß wir Martins gutes altes Zelt in Mendoza zurückgelassen haben. Das hätte uns viel Staub zwischen den Zähnen erspart und wäre wohl auch wärmer gewesen. In der Abenddämmerung entfesselt die Natur noch ein Farbfeuerwerk, das Licht wandert die Hänge hinauf, wird immer feuriger, bis es an den schneebedeckten Gipfeln ausbrennt. Zurück bleibt ein langsam verblassender rotgoldener Schimmer über den westlichen Gipfeln, dann senkt sich auch schon der Schatten der Nacht über das Lager. Langsam entzündet sich der Sternenhimmel und dessen Lichter scheinen näher und näher zu kommen.



Der Morgen bringt Martin heftige Kopfschmerzen, doch nach dem Frühstück und viel Flüssigkeit geht es wieder. Ein Tagesausflug soll uns zur Plaza Francia bringen. Die Wanderung führt uns langsam bergan. Erreichen nach kurzer Zeit den schwarzen Gletschermund und folgen seinem Verlauf. Gestern hatten die Wanderer extrem wechselhaftes Wetter, Sonne, Regen, Graupel, Schnee. Uns dagegen bleibt die Sonne treu, aber der Wind wird eisig. Gletscherkühlung! Um so erstaunlicher, daß hier immer noch kleine Büsche gedeihen, Kräuter und Sukkulenten. Darunter auch – ganz argentinisch carnivor – eine fleischfressende Pflanze. Eine der unschuldig scheinenden Blüten beißt auch prompt zu, als Martin den Finger rein steckt. Aua! Auf dem höchsten Punkt der Wanderung rasten wir. Erstmals haben wir eine Höhe von 4.000 m erreicht. Mit unseren schwachen Seglerbeinen sind wir daher recht zufrieden. Genießen den Ausblick auf die Aconcagua Südwand. Dann kehren wir um. Wobei es einige Mühe gekostet hat, den heute morgen noch scheintoten Martin davon abzubringen, die letzten zweieinhalb Kilometer (runter!) bis zum eigentlichen Plaza Francia zu laufen. Er hat dann aber noch genügend Gelegenheit, sich auszutoben, denn er verliert (mal wieder) unbemerkt seine Mütze und darf eine extra Suchrunde laufen. Immerhin ist es die erste Mütze, die er auch wiederbekommt. Auf See gehen sie gewöhnlich unter.

Von Mendoza aus besuchen wir zwei weitere Nationalparks. Das Valle de la Luna und Talampaya. Die Gegend ist durch eine einzigartige geologische Abfolge geprägt, die sich sonst nirgends auf der Welt findet. Wir aber sind keine Geologen, sondern genießen schlicht die bizarren Landschaften. Wüstenhafte, bizarr erodierte Täler, rostig rote Felswände, Sandsteintürme und Kugeln, die scheinbar von Riesenhänden verstreut wurden. Begegnen Kondoren und großen Papageien. Hatte mir diese bunten Vögel immer im Tropischen Regenwald vorgestellt, nicht aber in dieser Wüstenlandschaft.

Über San Juan kehren wir nach Rosario zurück, denn unsere Flußfahrt wollen wir ja noch ein wenig ausdehnen. Tja, und der Wein aus Mendoza? Irgendwie hat es nicht geklappt. Wenn wir kamen, hatten die Bodegas stets geschlossen. Und der einfache Vino patero, den wir in einer 5-Liter-Buddel am Straßenrand kauften, hat eine nächtliche Spontanfete in Talampaya nicht überlebt. Lag wohl an der trockenen Wüstenluft.

Mittlerweile sind wir wieder an Bord und ein Stück flußaufwärts gezogen, aber das ist eine andere Geschichte.

Und leider leider, Tatoo ist nicht mehr mit von der Partie. Haben ihn im Zoo von Rosario gelassen, wo er eine kleine Partnerin gefunden hat. Sind beide noch etwas jung, aber wenn sie alt genug sind werden sie schon wissen, was zu tun ist. Er fehlt uns aber sehr, auch wenn er an Bord fast nur geschlafen hat.



Es grüßen Euch

Martin + Anke

SY JUST DO IT

z. Zt. Esquina, Rio Paraná km 855, Argentinien

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