Einer unserer Super-11- Selbstbauer findet irgendwann noch Zeit, ein eigenens Selbstbauer- Dasein selbstkritisch zu Papier bzw. in eine Datei zu bringen. Auch wenn hier einige sicherlich sehr persönliche Ansichten zu bestimmten Bauausführungen geäußert werden, die sicher nicht jedermann teilt, möchten wir Ihnen das Ergebnis ungekürzt nicht vorenthalten.

Wenn auch sie Erfahrungsberichte in dieser oder auch ernster Form haben- mailen sie uns. Vielleicht steht dann hier bald mehr. Und nun viel Spaß

Peter Reinke

Selbstbauen? .....Selbstbauen!!!

Eine Erfahrung für Nachahmer, Zögernde und die ewigen Besserwisser.

Alle Selbstbauer sind weltweit gefürchtet wegen ihrer unersättlichen Gier nach technischen Informationen. Als erstes bekam ich Probleme mit meinem Briefträger. Ich wohne im fünften Stock und habe alle Kataloge und Infos nicht unter 2 Kg bestellt wegen der notwendigen Detailinfos; die allerdings fast nie in meinen DIN - Briefkasten passten und damit zu Fuß zugestellt werden mussten. Nachdem ich mit zweieinhalbe Tonnen mehr oder weniger nützlichen Info- Materialien zugepflastert und versorgt war, entstanden mit dem zuständigen Postbeamten Diskussionen wie: >Himalaja -Sherpas werden anders bezahlt, oder,... sie brauchen einen Zehnkämpfer als Zusteller...<

Selbstbauer wie ich, sind erst einmal komplett verunsichert, dazu noch psychologisch übertüttelt. Schnüffeln nervend überall herum, grübeln, träumen, rechnen und suchen einen Zeugen, der bestätigt das man mit seinen verunsicherten Vorstellungen völlig richtig liegt. Im Prinzip wollen alle Selbstbauer das stinknormale Boot: Absolut hochseetauglich, mindestens GL Kategorie 0, bis 50 m tiefseetauglich bei IP65 für den Fall des Durchkenterns; absolut flugsicher falls der flotte Verdränger bei 13 bis 14 Beaufort tatsächlich mal ins surfen kommen sollte; Wohnqualität wie bei Mutter´n zu Hause ist der normale Standart und dann muss es auch noch aussehen als wäre der natürliche Liegeplatz in Monte Carlo. Das ist natürlich nicht so einfach unter einen Hut zu bringen und schreit geradezu nach gründlicher Vorabinformation.

Ich hatte jetzt schon runde 400. - DM bei Roberts, Luft, van der Stadt, Feltz und Reinke bezahlt, nur um zu erfahren, das sie die Größten sind. Reinke war neben Feltz am billigsten (10, -DM) und dezentesten. Roberts, Luft und van der Stadt waren da teuerer (zwischen 49.- und 260.- DM). Feltz schied nach der Besichtigung eines sehr gut gebauten 13m Alu- Langkielers in Lübeck für mich aus. Ein mördermäßiger Langkieler (sozusagen ein >Wohnkiel<) und sehr teuer... Werftbau. Roberts, technisch überzeugend, aber nichtssagend... und van der Stadt interessanter, aber zu kommerzialisiert und abgezockt. Kurioserweise drängte mir Anton Luft aus Lübeck, das von ihm verhasste Reinke -HD System förmlich auf. Den sein eigenes Selbstbausystem ist nur durch das von ihm bekämpfte System des Konkurrenten definiert. Seine Info-Schriften strotzen von bösartig - interessanten Aussagen, wie:> Metallpontons... Plattbodenschiffe... Kimmkieler gehören dahin, wo sie am nützlichsten sind... ins Watt und an Land... ,die mich richtig neugierig gemacht hatten. Also los, Reinkeböötchen angucken, mit den Eignern reden und testen.

Jetzt war ich erst einmal interessierter Reinkekunde. Die ersten Besichtigungen waren erschütternd bis tragischkomisch: Ein 11MS (Motorsegler) in Wedel bei Hamburg, bildschöner Rumpf, aber überragt von einem gewaltigen Gewächshaus. Mehr was für seefahrende Orchideenzüchter. Seetüchtig wie ein hochkantiger IKEA - Schrank am Wind. Man muss nur wissen wie man Aufbauten refft, das wusste ich aber nicht.

Das nächste, ein Schnäppchen aus der >Bootsbörse<: Eine ältere Stahl - S11 Reinke am Rhein mit 2 x 1000 Litertanks, sowie diversen weiteren Zusatztanks (ein psycho-traumatisches Relikt der Ölkrise, nehme ich an), die ohne Tankinhalt schon weit unter ihrer CWL lag. Hätte man die gewaltigen Tanks tatsächlich geflutet, wäre diese S11 dem idealem Segelschiff ->ein weiß gestrichenes U Boot mit einem Mast drauf< - schon sehr nahe gekommen. Dazu hätte es die Neuauflage der Skagarakschlacht ohne Probleme überstanden. Der Rumpf bestand aus 8 mm Platten statt 4mm. Englische Torpedos hätten da schon Probleme gehabt.>Gebrauchte Pocket battle ships< im Reinke System für 25.000. - DM VB. Eindeutig, ein Schnäppchen für die Bundesmarine aber nicht für mich.

Ich verstand langsam, dass viele Selbstbauer ihren Konstrukteur grundsätzlich missverstehen, um das lauwarme Wasser neu und in seinem Windschatten zu erfinden. Beispiel: Der bajuwarische Lebenskünstler Wolfgang Clemens, der sich in seinen peinlichen Südseeeskapaden auf seiner 14m Hydra mit noch peinlicheren Diashows mit dem Hinweis verkauft, das er sie in 7 Jahren selbst gebaut hat und danach dem Konstrukteur Tipps gegeben hat, wie man eigentlich ein Segelboot bauen sollte. Dazu muss man den bayrischen Panzerkreuzer,>King of Bavaria < gesehen haben der Korallenatolls zertrümmert hat... (Höhepunkt seiner Diashow).


Die Zeitschrift >Yacht< sprach schon 1997 von ca. 3000 Selbstbauten unter Reinkes Plänen, was mich erst einmal beeindruckt hatte. Dazu gehören auch die eben geschilderten. Ich habe dann exzellente Euros, S11´s und 12 - 13 M´s im Mittelmeer und in Südamerika gesehen, die seit Jahren auf den abenteuerlichsten Routen unterwegs waren. Ein oft gehörter Kommentar und für Selbstbauer interessant:>Ich bin technisch völlig unbedarft... Gott sei Dank haben wir ein Aluschiff und sind wartungsfrei. Wenn man mal kein Geld hat, muss man nicht streichen oder ausbessern... mir tun Holz, Stahl- und GFK Bootsbesitzer leid... sie sind Sklaven ihres Bootes... sie müssen immer ran<. Diese offensichtlich, erfahrungsträchtige Mitteilung einer ca. 60jährigen Dame, die seit 11 Jahren mit ihrem Partner um den Globus rödelte, auf einer sehr eigenwilligen Alu- Reinke in Corinto /Nicaragua auf dem Weg nach Galapagos brach mir endgültig den Hals. Ich kaufte eine Linzens zum Bau einer Reinke S11. Die eigentliche 11M(Euro) war mir zu sportlich und die 13M zu dickschiffig. Mir war jetzt klar, weder Gebrauchtboot noch Kasko, ich baue selbst.

Als erstes gab es Beileidsbesuche der Freundinnen meiner Freundin.>Tja, Pech gehabt... ich hatte auch mal so einen...ganz nett... aber wenn die mit Segelbooten anfangen... kannst du sie vergessen...Es fehlten auch nicht die gutväterlichen Ratschläge alter Freunde:>Haste dir das gut überlegt...is´ ja `nen Arsch voll Geld, das du da in Alu setzt. Ein Haufen Aluplatten und Profile für 15.000. -DM...das ist ja ein neuer Kleinwagen<...Und dann noch Aaalu... kann man das überhaupt schweißen?< Selbst der segelbegeisterte Frisör meiner Schwester brachte das friedliche Familienleben mit ganz düsteren Alugeschichten durcheinander. Da war die Rede von Aluyachten im Mittelmeer, die entweder, einfach verschwanden, sanken oder schlicht auseinanderbrachen, weil sie Strom an Bord hatten. Nachdem ich die Frage meiner Schwester, ob ich denn auch>Strom< an Bord haben werde, mit ja beantwortet hatte, gelte ich als suizidgefährdet.


Nun ging es gnadenlos los: Bauplatz, Alu und Schweißgerät. Durch Zufall fand ich einen billigen und guten Bauplatz/Bootslagerung, 5 Autominuten von unserer Wohnung in der Billwerder Bucht (HH). Gegenüber ein polnischer Tankerkapitän, ein echter Selbstbau-Fundamentalist der sich einen Monsterkatamaran seit 7 Jahren baut und die Segel wahrscheinlich auch noch selbst häkeln wird; sowie zwei pfiffige Schornsteinfeger, die eine gebraucht gekaufte Reinke Euro zur Weltumsegelung umrüsten. Fachsimpelei und gegenseitige Hilfe waren gesichert.

Der Kauf eines gebrauchten Schweißgerätes beim altgedienten HD – Zulieferer geriet zum VHS-Kurs für Neo-Schweißer. Er betete für hellhörige Idioten wie mich herunter:>Da ist eine 7 Kg - Rolle mit AlMg 4.5 mit 1,2mm Draht drin sowie eine 20L Flasche Argon... alles fix und fertig... immer dran denken, Alu schweißt man von rechts nach links und von oben nach unten. Nicht mehr als mit 10 L Argon schweißen, sonst wird es zu teuer...und wenn es Probleme gibt, können sie mich anrufen... Ersatzteile, wenn nötig haben wir...Probe: Drahttrommelwechsel, ich kriege sie nicht runter. Anruf/Antwort:> Sie haben eine>Kemppi 325<... die hat Linksgewinde... ich hätte sie mit meiner Riesenrohrzange rechtsherum fast abgedreht.

Der Besitz eines Alu-Schweißgerätes auf einem Bootslagerplatz eröffnet übrigens ungeahnte Nebenerwerbstätigkeiten. Einmal bekannt geworden, werden mir jedes Wochenende: Pre-historische Kaffeekessel, vergammelte Klampen, dubiose Bleche, ausgebrochene Relingsstützen u.ä. mit dem Kommentar angeschleppt:>Kann´ste mal eben anbraten. Da ich auf die Frage:>Was trink´sten so?<, mit Rotwein geantwortet habe, bin ich jetzt stolzer Besitzer einer Rotweinsammlung.

Die 20-jährige Routine des Reinkesystems ist manchmal schon ätzend aber auch sehr beruhigend. Meine technischen Zweifel werden beim traditionellen Alulieferanten des HD-Systems erst einmal professionell und gründlich zurechtgerückt: ich hatte 3x mal umbestellt, und einen immer verständnisvollen Sachbearbeiter am Telefon>: ...normalerweise kaufen nur Idioten und Fanatiker AlMg 4.5 auch für die Spanten und Profile...AlMgSi1 bringt´s auch... wir verdienen natürlich gern n ´e Mark/pro Kg mehr... beraten aber unsere Kunden natürlich erst einmal fachkundig<. Gott sei dank (2,80.-DM pro Kg billiger).

Aber, jetzt ist Montag 18 Uhr: Technische Telefonfürsorge. Da nerve ich erst einmal entspannt meinen Konstrukteur kostenlos mit Sachen wie:>...was bedeuten die Doppelpfeile im Bodenbereich des Bauplanes...und meine Freundin will jetzt endgültig ein Extra-Männer- Pinkelklo, eine Badewanne und eine Wasch- und Geschirrspülmaschine eingebaut haben...Na ja, meine Sorgen möchte ich auch nicht haben. Aber wer hört schon auf einen, der sich entschieden hat, mittendrin steckt und die>Gorch Fock< höchstens als Beiboot mit Außenborder an Bord nehmen würde.

Mit freundlichen Grüßen Boris Engelhardt c/o: Gabriele.Herold@t-online.de

P.S.: Ein ernsthafter Tipp: Wer sich an Reinkes o.ä. metallisches wagt, sollte schon technische Zeichnungen lesen können oder lernen (wollen). Wer noch nie Alu geschweißt hat, sollte einmal zugucken, und sich entscheiden, ob es für ihn erlernbar ist (VHS). Wer Stahl schweißen kann, kann auch Alu schweißen, wenn er die Besonderheiten des Alus respektiert. Das größte Geheimnis der Aluschweißerei ist der gute Windschutz!